1945

ANTONINA NIKIFOROVA BEFREIT

Antonina Nikiforova, Mitte der 1930er-Jahre

Antonina Nikiforova ist Ärztin und wird in die Rote Armee eingezogen, als das Deutsche Reich unter Hitler die Sowjetunion überfällt. Sie gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft. Weil sie sich weigert, für die Nationalsozialist:innen Zwangsarbeit zu leisten, wird sie in einem Konzentrationslager inhaftiert. Unermüdlich setzt sie sich für ihre Mitgefangenen ein – während der Zeit im KZ und noch Jahrzehnte danach.

16. Juni 1907

Antonina Nikiforova als 13-jährige Schülerin, 1920

Antonina wird in Sergievo, einem Vorort von St. Petersburg geboren. Sie ist das jüngste von sechs Kindern des Postbeamten Aleksander Nikiforov und seiner Frau, die ebenfalls Antonina heißt. Die kleine Antonina ist häufig krank und das Leben der Familie ist schwer. Zwei der Geschwister versterben früh, im Jahr 1918 auch Vater Aleksander. Daraufhin verarmt die Familie. Eine der älteren Schwestern findet Arbeit und die andere tritt in einen Orden ein. Die Mutter kann die beiden jüngeren Kinder nicht ernähren und gibt die zehnjährige Antonina und ihre verbliebene Schwester in ein Kinderheim. Hier leiden sie unter Heimweh und Hunger.

1924

Abschlussklasse der 36. Einheits-Arbeitsschule, 1924
Antonina hintere Reihe, 5. v. r.

Trotz der schwierigen Umstände schafft Antonina 1924 ihr Abitur. Eigentlich möchte sie sofort weiterlernen, denn ihr großes Ziel ist es, Ärztin zu werden. Aber sie muss zuerst Geld verdienen und gibt deswegen Kindern Nachhilfeunterricht.

1925-1929

Abiturienten der medizinischen Fachschule, 1928. Antonina 1. Reihe, 3. v. r.

Antonina besucht die medizinische Fachschule und ist nach drei Jahren ausgebildete Krankenschwester. Sie wird anschließend nach Izvara geschickt, ein kleiner Ort 80 Kilometer von Leningrad, wie St. Petersburg jetzt heißt, entfernt. In der Sowjetunion sind Absolvent:innen von Fach- und Hochschulen damals verpflichtet, nach ihrem Abschluss für zwei oder drei Jahre an einer Arbeitsstelle zu arbeiten, die ihnen zugewiesen wurde. In Izvara heiratet Antonina, lässt sich jedoch nach einem Jahr wieder scheiden.

1930-1936

Seite aus einem Fotoalbum zum Jahrgangsabschluss des Medizinstudiums 1936.

Antonina kehrt 1930 nach Leningrad zurück und findet eine Stelle als Krankenschwester in der Chirurgie des Gavannskaja-Krankenhauses. In Leningrad befindet sich die erste medizinische Hochschuleinrichtung für Frauen in Europa, gegründet als “Medizinisches Institut für Frauen St. Petersburg”, dann umbenannt in “Erstes medizinisches Institut Leningrad”. Als hier im Jahr 1931 ein Abendstudiengang eingerichtet wird, ergreift Antonina die Chance. Neben der Arbeit im Krankenhaus studiert sie jetzt Medizin. Mit Erfolg: 1936 erhält sie ihr Diplom mit Auszeichnung.
Antoninas Spezialisierung im Studium war Kinderheilkunde, doch inspiriert durch einen ihrer Lehrer, Professor Georgij Šor, beginnt sie mit ihrer Doktorarbeit im Fach Pathologie. Eine eher ungewöhnliche Wahl, insbesondere für Frauen in dieser Zeit. Antonina arbeitet und forscht nun am Erisman-Krankenhaus.

1939-1940

 

Am 23. August 1939 schließen die Sowjetunion und das Deutsche Reich einen Nichtangriffspakt, der ein geheimes Zusatzprotokoll enthält. In diesem haben sich die beiden Staaten Polen und die baltischen Länder untereinander “aufgeteilt”. Als am 17. September 1939 die Rote Armee den Hitler-Stalin-Pakt erfüllt und den östlichen Teil Polens besetzt, muss Antonina ihre Forschungsarbeit unterbrechen. Sie wird als Ärztin zum Militärdienst in der Roten Armee verpflichtet. Nach ihrem ersten Einsatz in Polen muss sie im November 1939 an die nächste Front nach Finnland, um Verwundete zu versorgen. Sie wird erst Ende 1940 wieder aus dem Dienst entlassen und darf zurück nach Leningrad, um ihre Doktorarbeit fortzusetzen.

22. Juni 1941

Antonina als Militärärztin, 1941

Unter dem Decknamen “Unternehmen Barbarossa” marschiert die deutsche Wehrmacht mit drei Millionen Soldaten in die Sowjetunion ein – trotz Nichtangriffspakt. Wie viele Mediziner:innen wird Antonina sofort wieder eingezogen. Sie ist nun “Hauptmann dritten Ranges im medizinischen Dienst” in einem Marinelazarett der Baltischen Flotte. Stationiert wird sie auf der estnischen Insel Saaremaa, die in einer strategisch wichtigen Position in der Ostsee liegt.

Unternehmen Barbarossa

Deutsche-Wehrmacht-marschiert-in-die-Sowjetunion-ein
Deutsche Wehrmacht marschiert in die Sowjetunion ein, 22.6.1941

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit dem Überfall deutscher Truppen auf Polen. Die Sowjetunion und das Deutsche Reich hatten in einem geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes Polen und die baltischen Länder untereinander aufgeteilt. Am 17. September 1939 erfolgte der sowjetische Einmarsch und die Besetzung Ostpolens. Der Frieden zwischen den beiden Großmächten hielt nicht lange an. Am 22. Juni 1941 brach Deutschland das Abkommen und begann mit dem „Unternehmen Barbarossa“ einen in der Menschheitsgeschichte noch nicht gesehenen Vernichtungskrieg im östlichen Europa. Diesem Krieg fielen etwa 27 Millionen Sowjetbürger:innen, sechs Millionen Polinnen und Polen und 6 Millionen Jüdinnen und Juden zum Opfer, in überwiegender Mehrheit Zivilist:innen. Ziel des „Unternehmen Barbarossa“ war die Vernichtung und Versklavung der Bevölkerung in der Sowjetunion, um „Lebensraum im Osten“ für die „arische Rasse“ zu schaffen. Offiziell nannte man den Kampf gegen den (jüdischen) Bolschewismus als Grund für den Angriff.

Eine Vielzahl von Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung sind in diesem Zusammenhang zu verzeichnen. Eines der bekanntesten Beispiele für die inhumane Kriegsführung der Deutschen war die Leningrader Blockade. Die Wehrmacht schnitt die Stadt (heute: Sankt Petersburg) für zwei Jahre und vier Monate von jeglicher Versorgung ab. Über eine Million Menschen verhungerten in der blockierten Stadt oder starben an grassierenden Seuchen.

Oktober 1941

 

Die Stützpunkte auf Saaremaa können den heftigen Angriffen der deutschen Truppen nicht lange standhalten. Am 5. Oktober 1941 geraten Antonina und das restliche medizinische Personal sowie die Verwundeten des Lazaretts in Gefangenschaft. Die deutschen Besatzer nutzen das Lazarett weiter. Antonina bleibt daher bis Januar 1943 als Kriegsgefangene auf Saaremaa.

1943

 

Ein Jahr lang wird Antonina von einem Kriegsgefangenenlazarett ins nächste gebracht. Schließlich landet sie im Durchgangslager 110 im polnischen Chełm. Dort soll sie unterschreiben, dass sie aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wird und stattdessen “freiwillig” für die deutsche Industrie arbeitet. Doch Antonina weigert sich. Wie viele Frauen der Roten Armee leistet sie Widerstand, indem sie ihren Status als Kriegsgefangene behält und sich gegen die Zwangsarbeit wehrt. Ein Dolmetscher warnt die Rotarmistinnen vor den Schrecken der Konzentrationslager, doch für die Deutschen zu arbeiten wäre für sie wie Verrat. Zur Strafe werden Antonina und 52 weitere Frauen im Januar 1944 von Chełm ins KZ Majdanek gebracht.

Rotarmistinnen im Zweiten Weltkrieg

Zwischen 800.000 und 1.000.000 Frauen kämpften im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee. Zum größten Teil gehörten sie dem Sanitätsdienst an, doch Soldatinnen gab es in allen Waffengattungen, insbesondere in der Luftwaffe. Während Frauen mit medizinischer Ausbildung häufig zum Kriegsdienst verpflichtet wurden, meldeten sich viele weitere junge Frauen freiwillig. Einige von ihnen hatten bereits eine paramilitärische Ausbildung durchlaufen, sie konnten also eine Waffe bedienen oder ein Flugzeug fliegen. Das gehörte zum Bild der „neuen Sowjetfrau“.

In das Frauenbild der Nationalsozialist:innen passten weibliche Kämpferinnen absolut nicht. Sie nannten sie abfällig „Flintenweiber“ oder sprachen von „Frauen in Uniform“, aber nicht von Soldatinnen, denn diesen Status wollten sie Frauen nicht zugestehen. Die Rotarmistinnen waren aus Sicht der Nazis „entartete“ Frauen, denen sie besondere Grausamkeit nachsagten, und ein Symbol des „Bolschewismus“. So rechtfertigten sie Gewalttaten, die sich ausdrücklich gegen diese Gruppe richteten. Dazu gehörten schwere Misshandlungen und sofortige Erschießungen bei Gefangennahme. Für Rotarmistinnen, die nicht Opfer von Exekutionen wurden, führte die Kriegsgefangenschaft meist in die Zwangsarbeit oder in ein Konzentrationslager.

Verlesen des Tagesbefehls Rotarmistinnen
Verlesen des Tagesbefehls zum 1. Mai, Ort unbekannt, 1943.

Januar 1944

Stacheldrahtzäune, um das KZ Majdanek

Als Antonina und ihre Mitgefangenen im KZ Majdanek ankommen, müssen sie sich ausziehen und alles abgeben, was sie noch besitzen. Eine der Frauen, Aprosha, hält krampfhaft an einem Foto ihrer Tochter fest. Sie hat Angst, dass auch dieses ihr abgenommen wird. Von den Wachen unbemerkt klebt Antonina das Foto mit einem Pflaster unter Aproshas Fußsohle und hilft ihr so, das Erinnerungsstück zu behalten. Die Frauen bekommen Häftlingskleidung und eine Nummer. Dass ihnen die Haare von der Lagerleitung abgeschnitten werden, verhindern andere Gefangene. Als Angehörige der Roten Armee erhalten Antonina und die anderen Bewunderung und Unterstützung vor allem von den politischen Häftlingen im Lager. Antonina erinnert sich später: “Von diesem Tag an begannen wir zu begreifen, was „das berühmte faschistische System“ bedeutete. In Majdanek war alles einem Ziel untergeordnet – der Vernichtung von Menschen: die Quarantäne mit dem Sitzen auf dem kalten Boden, der Appell, die Folter des Hungers und des Schlafentzugs.” Beim “Appell” werden die Frauen gezwungen, stundenlang in leichter Kleidung in der Kälte zu stehen. Antonina hört auch davon, dass jüdische Häftlinge vergast und verbrannt werden.

21. April 1944

Häftlinge des KZ Ravensbrück bei Erdarbeiten zur Erweiterung des Lagers, vermutlich 1940

Im April 1944 rückt die Rote Armee immer näher an Lublin und das KZ Majdanek heran. Gemeinsam mit etwa 50 weiteren sowjetischen Frauen wird Antonina erneut in ein anderes Lager verlegt. Nach vier Tagen in stickigen Waggons kommen Antonina und die anderen im Frauen-KZ Ravensbrück an. Sie müssen zunächst in Quarantäne. Dort erfährt der Lagerarzt, dass Antonina Pathologin ist. Sie führt den SS-Ärzten die Methode zur Autopsie vor, die sie von ihrem Lehrer Georgij Šor gelernt hat. Nachdem sie versichert, dass der Professor kein Jude ist, soll sie seine Methode anwenden, um die Todesursache von verstorbenen Gefangenen zu bestimmen. Von nun an führt Antonina regelmäßig Untersuchungen an Leichen von KZ-Häftlingen durch. Bei den Obduktionen sieht sie die Folgen von medizinischen Experimenten, für die Gefangene missbraucht werden. Sie versorgt außerdem Gefangene im Krankenrevier. Es ist schmutzig, nass, der Leichengeruch hängt in der Luft und die Kranken werden geschlagen. “Ich befand mich im Mittelalter”, sagt Antonina später. “Es fehlten nur noch die Ketten an der Wand, mit denen die Kranken gefesselt wurden.”


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1944/45

Portraitfoto von Marie-Claude Vaillant-Couturier mit der Widmung “Für die teure Antonina zur Erinnerung an unsere Freundschaft”, 1949.

Unter den sowjetischen Frauen herrscht ein besonders starker Zusammenhalt. Antonina ist für die Jüngeren wie eine Mutter. Als ihre Gruppe eines Tages erfährt, dass sie neue Kennzeichnungen bekommen sollen, die sie als russische Zivilisten ausweisen, statt als Kriegsgefangene, rebellieren sie und treten ohne Winkel auf. Zur Strafe müssen sie den ganzen Tag in der Kälte und im Regen vor einem Bunker stillstehen, unter ihnen erkrankte Frauen und eine Schwangere. “Es gibt einen Starrsinn in der Seele, einen Durst nach Kampf. Selbst wenn wir sterben, werden wir nicht aufgeben”, sagt Antonina.

Das Durchhalten zeigt seine Wirkung: Die für zuständig erklärte Polizistin sympathisiert mit den Kriegsgefangenen, und sie erhalten die Winkel mit der Kennzeichnung “SU”.
Antonina schließt auch Freundschaften mit Frauen anderer Nationalitäten. So zum Beispiel mit der Französin Marie-Claude Vaillant-Couturier, die sich nach einem Versuch, der Selektion zu entgehen, innerhalb des Lagers verstecken muss. Antonina bringt sie in ihrem eigenen Revier unter und teilt ihre Essensrationen mit ihr. Marie-Claude ist Kommunistin und im besetzten Frankreich im Widerstand aktiv. Sie wird verhaftet und 1943 nach Auschwitz und schließlich nach Ravensbrück deportiert. Nach der Befreiung wird sie Abgeordnete der Französischen Nationalversammlung.

30. April 1945

Ansicht vom Barackenlager des Frauen-KZ Ravensbrück um 1940.

Die Rote Armee überschreitet im Frühjahr 1945 die Oder. In Ravensbrück bereitet die SS die Evakuierung des Konzentrationslagers vor. Am 27. April werden tausende gefangene Frauen und Kinder auf die sogenannten “Todesmärsche” geschickt. Antonina soll zusammen mit weiteren Ärztinnen und Krankenschwestern zurückbleiben und die schwerkranken Häftlinge versorgen. Am 30. April 1945 treffen die sowjetischen Truppen in Ravensbrück ein.

Mai 1945 - Oktober 1945

 

Antonina bleibt zunächst als leitende Ärztin im befreiten Lager. Sie hilft bei der Organisation der Rücktransporte für die ausländischen Überlebenden. Außerdem beginnt sie damit, die Erinnerungen der ehemaligen Häftlinge aufzuzeichnen. Sie sitzt an den Betten der kranken Frauen und schreibt mit, was sie ihr über ihre Erlebnisse erzählen. Sie sammelt so Berichte auf Deutsch, Polnisch und Französisch. Das macht Antonina in den Augen der sowjetischen Soldaten jedoch verdächtig. Sie muss ihre Aufzeichnungen abgeben und sogar für zwei Monate in Haft. Ihre Unschuld wird schließlich anerkannt und endlich darf sich Antonina auf den Weg zurück nach Hause machen.

November 1945 - Juni 1948

Das medizinische Personal des Krankenhauses in Suerka, 1947. Antonina in der mittleren Reihe, 4. v. r.

Antoninas Reise von Ravensbrück nach Leningrad dauert mehrere Wochen. Als sie ankommt, erfährt sie, dass ihre Mutter den Krieg nicht überlebt hat. Sie ist während der Belagerung der Stadt durch die deutschen Truppen im Winter 1942 verhungert und in einem Massengrab beerdigt worden.
Antonina kommt zunächst bei einer ihrer Schwestern unter. Doch sie erhält keine Wohnberechtigung für ihre Heimatstadt Leningrad und darf auch nicht dort arbeiten. Deswegen entscheidet sie sich dafür, nach Sibirien zu ziehen. Ihre Schwester, die während des Kriegs dorthin evakuiert worden war, rät Antonina dazu. Sie ist zunächst skeptisch, doch in dem Dorf Suerka ist die Versorgungslage deutlich besser als in den Großstädten. Antonina findet Arbeit im dortigen Krankenhaus – und eine Familie. Wie sie es sich zuvor geschworen hat, sollte sie das KZ überleben, adoptiert sie ein Waisenkind. Der achtjährige Arkadij, der zuvor im Kinderheim von Suerka gelebt hat, ist nun ihr Sohn. Im Juni 1948 kehrt sie mit ihm zusammen nach Leningrad zurück und beginnt, im Botkin-Krankenhaus als Pathologin zu arbeiten.

1956

 

Angestrengt versucht Antonina seit Jahren, einen Verlag für ihr Buch zu finden. Doch das Manuskript über die Zeit im KZ, das sie aus ihren Aufzeichnungen und eigenen Erinnerungen verfasst hat, wird mehrere Male abgelehnt. Im November 1956 wendet sich das Blatt, als ein Artikel über Antonina und das KZ Ravensbrück in der Zeitschrift “Ogonek” erscheint. Der Artikel wird auch in ganzer Länge als Beitrag im Radio gesendet. Daraufhin melden sich zahlreiche Frauen bei Antonina, die ebenfalls in Ravensbrück inhaftiert waren. Mit vielen von ihnen wird sich Antonina über Jahrzehnte hinweg Briefe schreiben. Dabei sammelt sie äußerst sorgfältig immer mehr Lebensgeschichten von ehemaligen KZ-Häftlingen.

Titelseite des Artikels über Antonina Nikiforova in der Zeitschrift Ogonek

“Man kennt sie im Haus als liebe, angenehme Nachbarin. Den Kollegen im Botkin-Krankenhaus ist sie als bescheidene, arbeitsame Pathologin bekannt. Doch wissen sie auch, dass ihre Nachbarin oder Kollegin an die Türen vieler Wohnungen in Paris, Prag, Brüssel, Warschau, Amsterdam, Berlin, Belgrad nur anzuklopfen und auf die Frage: wer ist dort? zu antworten braucht ‘Doktor Antonina’ und dass sich die Türen sofort öffnen und sich ihr Freundeshände entgegenstrecken, die Hände jener, die zusammen mit ihr im Konzentrationslager Ravensbrück litten, wohin die Faschisten Frauen aus ganz Europa zusammengetrieben hatten und das ‘die Hölle der Frauen’ genannt wurde?”

1957

Marie-Claude und Antonina auf dem Flughafen in Berlin/Schönefeld, 1957.

Unter dem Titel “Das soll sich nicht wiederholen” werden Antoninas Erinnerungen als längerer Text in der Zeitschrift “Znamja” veröffentlicht. Antonina erhält Einladungen in die DDR, wo sie als Vertreterin der Sowjetunion an der Arbeitstagung des Internationalen Ravensbrück-Komitee (IRK) teilnimmt. Hier trifft sie zum ersten Mal seit Ende des Krieges ihre Freundin Marie-Claude wieder.

1958

Antonina spricht mit Schüler:innen einer Grundschule, 1964.

Die Erstausgabe von Antoninas Buch “Das soll sich nicht wiederholen” erscheint im Moskauer Verlag des sowjetischen Verteidigungsministeriums. Es wird in mehrere Sprachen übersetzt, und später erscheint eine neue erweiterte Ausgabe. Antonina steht immer stärker in der Öffentlichkeit. Neben ihrer täglichen Arbeit als Pathologin reist sie durch die Sowjetunion, aber auch ins Ausland, zum Beispiel nach Frankreich. Sie schreibt Artikel, knüpft Kontakte, hält Vorträge auf Konferenzen und in Schulen. Und sie sammelt immer weiter die Geschichten der Gefangenen von Ravensbrück. Die Erinnerung an sie zu bewahren, wird zu Antoninas Lebensaufgabe.

10. Dezember 1964

Hochzeit von Stella Kugelmann und Arkadij Nikiforov, 10. Dezember 1964

Am 10. Dezember 1964 heiraten Antoninas Sohn Arkadij und Stella Kugelman. Sie ist ab jetzt als Mitstreiterin an Antoninas Seite. Denn Stella wurde im Alter von nur vier Jahren mit ihrer Mutter zusammen nach Ravensbrück deportiert. Dort hatten sich mehrere gefangene Frauen um sie gekümmert und ihr so das Leben gerettet. Ihre Mutter war kurz nach der Ankunft im KZ von Stella getrennt worden und an Tuberkulose gestorben. Der Zusammenhalt unter den ehemaligen Gefangenen ist für Stella unendlich wichtig: “Und für uns war gerade Ravensbrück das, was diejenigen verband, näherbrachte und zu Freunden machte, die überlebt hatten. Diese Liebe ist der höchste Wert auf der Welt, der bis zum Schluss existiert, bis zur letzten Stunde des Lebens.”

8. August 2001

Antonina Nikiforova, Stella und die Enkelin Valentina, 1994

Mit 94 Jahren stirbt Antonina in ihrer Heimatstadt St. Petersburg. Bis ins hohe Alter hat sie ihren Einsatz gegen das Vergessen fortgeführt. Daraus entstanden ist ein umfassendes “Ravensbrück-Gedächtnis”: Fotos, Dokumente, Aufzeichnungen und vor allem viele Briefe von über einhundert ehemaligen KZ-Häftlingen aus acht Nationen. Nach Antoninas Tod gibt Stella den gesamten Nachlass an die Gedenkstätte Ravensbrück, die ihn bis heute aufbewahrt.

2005 - heute

Stella Nikiforova und die Überlebende Lidija Lescinskaja bei der Ausstellungseröffnung, 2005

Sechzig Jahre nach Kriegsende und der Befreiung des KZ Ravensbrück wird in der Gedenkstätte eine Ausstellung über Antonina und ihren Nachlass gezeigt. Im Jahr 2016 zeigen die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und das Museum Berlin-Karlshorst die neue Ausstellung “Kriegsgefangene Rotarmistinnen im KZ”, die Antoninas und weitere Geschichten erzählt. Bis heute bietet Antoninas unermüdliche Arbeit eine wertvolle Quelle für die Forschungen über das KZ Ravensbrück und das Leben der Inhaftierten.

Autorin: Alina Besser

ZITATE

Antonina Nikiforova zitiert nach:
Antonina Nikiforova, Eto ne dolžno povtorit’sja, Moskau 1958.
Saavedra Santis, Ramona, Im Auftrag der Erinnerung. Antonina Nikiforova und das Ravensbrück-Gedächtnis (Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Bd. 9) Berlin 2013.

Stella Nikiforova zitiert nach:
FACES OF EUROPE. Daughters remember their Mothers, Prisoners of the Ravensbrück Concentration Camp, online verfügbar unter: faces-of-europe.ravensbrueck.de.

QUELLEN

Antonina Nikiforova, Eto ne dolžno povtorit’sja, Moskau 1958.

SEKUNDÄRLITERATUR

Aust, Martin, Erinnerungsverantwortung. Deutschlands Vernichtungskrieg und Besatzungsherrschaft im östlichen Europa, Bonn 2022.

Fieseler, Beate, Rotarmistinnen im Zweiten Weltkrieg. Motivationen, Einsatzbereiche und Erfahrungen von Frauen an der Front, in: Latzel, Klaus; Maubach, Franka; Satjukow, Silke (Hg.), Soldatinnen. Gewalt und Geschlecht im Kriegs vom Mittelalter bis heute (Krieg in der Geschichte Bd. 60), Paderborn 2011, S.301-330.

Museum Berlin-Karlshorst (Hg.), Kriegsgefangene Rotarmistinnen im KZ. Sowjetische Militärmedizinerinnen in Ravensbrück, Berlin 2016.

Römer, Felix, Gewaltsame Geschlechterordnung. Wehrmacht und “Flintenweiber” an der Ostfront 1941/42, in: Latzel, Klaus; Maubach, Franka; Satjukow, Silke (Hg.), Soldatinnen. Gewalt und Geschlecht im Kriegs vom Mittelalter bis heute (Krieg in der Geschichte Bd. 60), Paderborn 2011, S.331-352.

Saavedra Santis, Ramona, Im Auftrag der Erinnerung. Antonina Nikiforova und das Ravensbrück-Gedächtnis (Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Bd. 9) Berlin 2013.

Snyder, Timothy, Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2013.

ONLINEQUELLEN

“An Unrecht erinnern. Auf den Spuren sowjetischer Kriegsgefangener”, online Bildungsprojekt der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Kooperation mit Memorial International Moskau: unrecht-erinnern.info.

Artikel über Stella Nikiforova als Mitglied des Internationalen Ravensbrück-Komitees: www.irk-cir.org.

BILDQUELLEN

Abiturienten der medizinischen Fachschule,1928

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2009/533

Abschlussklasse der 36. Einheits-Arbeitsschule, 1924

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2009/532

Ansicht vom Barackenlager

Ansicht vom Barackenlager des Frauen – KZ Ravensbrück mit Barackenreihen 1 bis 3 und Lagerstraße 1; vorn das Dach des Garagentraktes, dahinter die Schornsteine der Häftlingsküche, um 1940 Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Montage aus den Fotos Nr. 1642 und 1643.

Antonina als Militärärztin, 1941

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 98/123

Antonina Nikiforova als 13-jährige Schülerin, 1920

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 98/121

Antonina Nikiforova, Mitte der 1930er-Jahre

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 98/119

Antonina spricht vor Schüler:innen

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2009/704

Antonina, Stella und die Enkelin Valentina, 1994

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 98/130

Ausstellung 2005

Fotograf: Norbert Günther, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, o. Nr.

Blatt aus dem Fotoalbum des Abschlussjahrganges 1936

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2009/525

Das medizinische Personal des Krankenhauses in Suerka, 1947

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 98/125

Deutsche Wehrmacht marschiert in die Sowjetunion ein

Johannes Hähle, Deutsche Wehrmacht marschiert in die Sowjetunion ein, 22.06.1941, gemeinfrei, online verfügbar unter: wikimedia.org.

Gedenkfeier 1957

Fotograf: Willy Jacobsen, Berlin, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2009/611

Gefangene russische Soldaten mit erhobenen Händen 1941

Schmidt, Georg, Sowjetunion-Nord.- Gefangene russische Soldaten mit erhobenen Händen; PK 621, Bundesarchiv Bild 101I-010-0919-39, CC-BY-SA 3.0, onine verfügbar unter: wikimedia.org. Lizenz: Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Häftlinge bei Erdarbeiten

Fotograf:in unbekannt, Häftlinge des KZ Ravensbrück bei Erdarbeiten zur Erweiterung des Lagers, vermutlich 1940,Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 1680.

Hochzeit von Stella Kugelmann und Arkadij Nikiforov, 10. Dezember 1964

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2009/623

Marie-Claude Vaillant-Couturier und Antonina Nikiforova auf dem Flughafen in Berlin-Ost, 1957

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2014/436

Portraitfoto von Marie-Claude Vaillant-Couturier

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2014/434

Stella Nikiforova und die Überlebende Lidija Lescinskaja bei der Ausstellungseröffnung, 2005

Heinz Heuschkel, Berlin, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2006/422

St. Petersburg 1908-1914

Künstler:in unbekannt, S. Peterburgʺ Varshavskīĭ vokzalʺ St.-Pétersbourg. La gare de Varsovie, Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C., public domain, online verfügbar unter: www.loc.gov.

Titelseite des Artikels über Antonina Nikiforova in der Zeitschrift Ogonek

Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, NL 13/30

Umzäunung des KZ Majdanek nach Befreiung 1944

A view of the fences that enclosed Majdanek, United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Panstwowe Muzeum na Majdanku, 10328, public domain, online verfügbar unter: collections.ushmm.org.

Verlesen des Tagesbefehls zum 1. Mai, Ort unbekannt, 1943

Boris Wdowenko 1943, Copyright Museum Berlin-Karlshorst, Nr. RA_03.04.

Weisse Busse Befreite

Fotograf:in unbekannt, Padborg 1945, Nationalmuseet Danmark FHM-23705, no known rights, online verfügbar unter: samlinger.natmus.dk.

ZUSÄTZLICH VERWENDETES QUELLENMATERIAL AUF UNSEREN SOCIAL MEDIA KANÄLEN

Antonina Nikiforova, 1950er Jahre

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 98/131.

Antonina Nikiforova, Ende der 1930er Jahre

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 98/124.

Antonina und Stella, 1965

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2009/540.

Brotausgabe Lager Winnica Juli 1941

Hübner: Lager Winnica Juli 1941, Bundesarchiv Bild 146-1979-113-04, CC-BY-SA 3.0, online verfügbar unter: wikimedia.org.

Deutsche Soldaten in Warschau 1939

German soldiers parade through Warsaw to celebrate the conquest of Poland. United States Holocaust Memorial Museum Photo Archives #09866. Courtesy of National Archives and Records Administration, College Park. Copyright of United States Holocaust Memorial Museum.

Eine Leningrader Straße nach einem deutschen Luftangriff

Boris Kudoyarov, Eine Leningrader Straße nach einem deutschen Luftangriff, 01.05.1942, unverändert, RIA Novosti archive, image #601181, online verfügbar:
wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Eine militärische Einheit marschiert zur Front entlang des Moskau Prospekts in Leningrad

Boris Kudoyarov, Eine militärische Einheit marschiert zur Front entlang des Moskau Prospekts in Leningrad, 07.12.1941, unverändert, RIA Novosti archive, image #178610, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Gefangene Rotarmisten an Tümpel Juli 1942

Gehrmann, Friedrich: Russische Kriegsgefangene Juli 1942, Bundesarchiv Bild 183-B27116, CC-BY-SA 3.0, online verfügbar unter: wikimedia.org.

Krematorium und Gaskammer Majdanek nach Befreiung 1944

Postwar view of the crematoria and gas chamber in Majdanek through the barbed wire fence, United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Unknown Russian archive, 04859, public domain, online verfügbar unter: collections.ushmm.org.

Leningrader auf dem Nevski Prospekt während der Belagerung

Boris Kudoyarov, Leningrader auf dem Nevski Prospekt während der Belagerung, 01.04.1942, unverändert, RIA Novosti archive, image #324, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Leningrader verlassen ihre Häuser, die vom NS-Bombardement zerstört wurden

Boris Kudoyarov, Leningrader verlassen ihre Häuser, die vom NS-Bombardement zerstört wurden, 10.12.1942, unverändert, RIA Novosti archive, image #2153, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Luftaufnahme KZ Majdanek nach Befreiung 1944

An aerial view of the camp, United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Panstwowe Muzeum na Majdanku, 10329, public domain, online verfügbar unter: collections.ushmm.org.

Russische Gefangene 1941

Unbekannt: Russische Gefangene 1941, Bundesarchiv, Bild 146-1976-112-05A, CC-BY-SA 3.0, online verfügbar unter: wikimedia.org.

Russische Gefangene im Gefangenenlager in Norwegen 1945

Fougner, Gunnar: Russische Kriegsgefangene 1945, Riksarkivet RA/PA-0276/U/L0001/0001, public domain, online verfügbar unter:
foto.digitalarkivet.no.

Studentengruppe des ersten medizinischen Instituts beim Pathologieseminar mit Prof. G. Sor

Fotograf/in unbekannt, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Foto-Nr. 2009/711.

Zwangsarbeit KZ Majdanek

Prisoners at forced labor in the Majdanek concentration camp, United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park, 50490, public domain, online verfügbar unter: collections.ushmm.org.

WEITERE FÄLLE

Alexandra
Povòrina

Olvido
Fanjul Camín

Władek
Zarembowicz

Natalija
Radtschenko