ÜBER DIE KAMPAGNE

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Im Jahr 2022 jähren sich zwei zentrale Ereignisse der Nachkriegsgeschichte. Vor 70 Jahren wurde das Luxemburger Abkommen abgeschlossen: Die erste Wiedergutmachungsvereinbarung mit dem Staat Israel. Zudem jährt sich zum 30. Mal die Gründung des so genannten „Article 2 Funds“, der jüdischen Überlebenden in Osteuropa erstmalig Entschädigungsleistungen ermöglichte. Auch die Gründung des Bundesverbands Information & Beratung für NS-Verfolgte (BV) ist in diesem Jahr genau 30 Jahre her, sie jährte sich am 15.05.2022.
Wir fragen: Wer waren die Menschen, die von den Nazis verfolgt wurden?

Für Freiheit, Demokratie und eine offene Gesellschaft

Heutzutage wissen die meisten Menschen, dass Jüdinnen und Juden sowie Sintizze und Romnja verfolgt wurden – doch es gab noch viele andere, die aus ganz unterschiedlichen Gründen verfolgt, in Gefängnissen und Konzentrationslagern eingesperrt, zwangssterilisiert, gefoltert oder ermordet wurden.
#zumFeindGemacht erzählt die Geschichten von Menschen die wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden, oder weil sie psychisch krank waren, weil sie die „falsche“ Hautfarbe hatten, weil sie ihre politischen Überzeugungen nicht aufgeben wollten oder einfach nur, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort ihre Meinung gesagt haben.
Die Zeit, in der das möglich war, ist noch gar nicht so lange her. Wir wollen, dass allen klar wird: Freiheit und Demokratie, eine offene und bunte Gesellschaft sind keine Selbstverständlichkeit. Sie beruhen auf Werten, die wir verteidigen müssen – jeden Tag und mit allen unseren Kräften.

WAS BEDEUTET WIEDERGUTMACHUNG?

Wiedergutmachung – das ist auf den ersten Blick ein missverständliches Wort, wenn es in Bezug zu nationalsozialistischer Verfolgung verwendet wird. Denn wieder “gut” machen, im moralischen Sinne, kann man die Gräueltaten der Nazis nie mehr. Heute meint man mit dem Begriff der Wiedergutmachung von nationalsozialistischem Unrecht, dass die Verfolgten des NS-Regimes und ihre Angehörigen finanziell für die Schäden, die sie erlitten haben, entschädigt werden. Und dass sie Vermögen, welches ihnen während der nationalsozialistischen Herrschaft entzogen oder geraubt wurde, rückerstattet bekommen. Entschädigung und Rückerstattung sind zwei wichtige Säulen der individuellen Wiedergutmachung.

Noch bevor der Krieg zu Ende war, war vielen Menschen auf der ganzen Welt klar, dass die Verfolgten des NS-Regimes eine finanzielle Wiedergutmachung bekommen sollen und dass es eine schwierige Aufgabe sein würde, juristische Regelungen dafür zu finden. Diese Aufgabe übernahmen zuerst die Alliierten Regierungen der drei westlichen Besatzungszonen und nach ihrer Staatsgründung 1949, die BRD. Die DDR sah sich nicht als Rechtsnachfolgerin des nationalsozialistischen Deutschlands und daher weigerte sie sich, die Wiedergutmachung so umzusetzen und mitzutragen, wie es bald in der BRD möglich war. Im Jahr 1953 gab es das erste bundeseinheitliche Wiedergutmachungsgesetz in der BRD: Das Bundesergänzungsgesetz. Doch dieses Gesetz empfanden viele Menschen als unausgereift, und so trat drei Jahre später das Bundesentschädigungsgesetz (BEG) in Kraft.


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ZWANGSKENNZEICHNUNG DER HÄFTLINGE

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ÜBERBLICK UND BESONDERHEITEN DER ZWANGSKENNZEICHNUNGEN

Rote Winkel erhielt die größte Gruppe der KZ-Häftlinge: Die “Politischen” – politische Häftlinge. Jüdische Häftlinge erhielten einen gelben Winkel, der zusammen mit einem weiteren gelben, roten, grünen oder blauen Winkel einen Davidstern bildete. Weitere spezielle Zwangskennzeichnungen gab es für „jüdische Rasseschänder“ und „Rasseschänderinnen“. Schwarze Winkel erhielt die große Gruppe der so genannten „Asozialen“ sowie die Angehörigen der Gruppe der Sinti und Roma.

Rosa Winkel erhielten homosexuelle Männer. Grüne Winkel erhielten Kriminelle, bzw. die so genannten „Berufsverbrecher“. Blaue Winkel erhielten Emigranten, also Menschen, die nach der Machtübernahme der Nazis aus dem Deutschen Reich geflohen waren. Violette Winkel erhielten die „Ernsten Bibelforscher“ (heute: „Jehovas Zeugen“), einer streng pazifistischen christlichen Gruppierung.

Häftlinge, die zum zweiten Mal in einem Konzentrationslager inhaftiert waren, erhielten zusätzlich einen farblich passenden Balken über dem Winkel, Häftlinge der so genannten Strafkompanie einen zusätzlichen, schwarz umrandeten schwarzen Punkt.


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"ASOZIALE"

Unter diesem herabwürdigenden Begriff wurden Menschen stigmatisiert, die in prekären wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen lebten.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Schwarzer Winkel

"BERUFS­VERBRECHER"

Ein- oder mehrfach vorbestrafte Menschen wurden von den Nationalsozialisten als "Berufsverbrecher" bezeichnet.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Grüner Winkel

EMIGRANT­:INNEN

Menschen, die zunächst aus dem Deutschen Reich geflohen und dann wieder zurückgekehrt oder gewaltsam in die Hände der Nazis gefallen waren.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Blauer Winkel

HOMOSEXUELLE

"Homosexuelle Handlungen zwischen Männern" waren schon in der Kaiserzeit verboten, doch die Nazis verschärften die strafrechtliche Verfolgung noch weiter.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Rosa Winkel

JUDEN UND JÜDINNEN

Das Feindbild des Juden wurde zu einem zentralen Aspekt der nationalsozialistischen Rassenideologie und endete in einer beispiellosen Massenvernichtung.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Gelber Winkel, kombiniert mit einem weiteren Winkel, um einen "Judenstern" zu ergeben. Der zweite Winkel konnte gelb oder andersfarbig sein.

JUGEND­OPPOSTION

Während der NS-Zeit formten sich oppositionelle Jugendgruppen, deren Mitglieder sich nicht in die staatlichen Strukturen der HJ oder des BDM pressen lassen wollten.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Eine eigene Zwangskennzeichnung für diese Gruppe gab es nicht. Sie wurden in der Regel unter dem Vorwurf des „asozialen Verhaltens“ mit dem schwarzen Winkel zwangsgekennzeichnet; wenn eine politische Haltung im Vordergrund stand, mit einem roten Winkel.

KRITISCHE ÄUSSERUNGEN

Kritische Meinungsäußerung konnte unter den Straftatbestand der "Wehrkraftzersetzung" fallen. Es war gefährlich, Kritik am NS-Regime frei zu äußern, sogar im privaten Raum.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Eine eigene Zwangskennzeichnung für diese Gruppe gab es nicht. Sie erhielten in der Regel einen roten Winkel als Zwangskennzeichnung.

MENSCHEN MIT BEHINDERUNG

Die Nazis wollten Menschen mit Behinderungen oder psychisch Erkrankten, bzw. Menschen, die sie als solche identifizierten, keinen Platz in der Gesellschaft lassen.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Eine eigene Zwangskennzeichnung für diese Gruppe gab es nicht. Sie wurden nicht in Konzentrationslagern inhaftiert, sondern in als „Heilanstalten“ getarnte Tötungsanstalten wie Hadamar deportiert und ermordet.

OPFER DER NS-MILITÄRJUSTIZ

Soldaten und andere Angehörige der Wehrmacht waren der NS-Militärjustiz unterworfen. Straftaten Fahnenflucht oder Desertion wurden sehr hart bestraft.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Eine eigene Zwangskennzeichnung für diese Gruppe gab es nicht.

POLITISCH VERFOLGTE

Als "Politische" stuften die Nazis alle politischen Gegner des Nationalsozialismus ein, bzw. die, die sie dafür hielten oder so bezeichneten.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Roter Winkel

"POLENLIEBCHEN"

Frauen konnte es in eine gefährliche Lage bringen, wenn ihnen der Kontakt zu einem polnischen Mann nachgesagt wurde. Auch KZ-Haft war dafür möglich.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Eine eigene Zwangskennzeichnung für diese Gruppe gab es nicht.

POLNISCHE MINDERHEIT

Die nationalsozialistischen Propaganda hetzte von Beginn an gegen die polnische Bevölkerung. Bestehende polnische Organisationen wurden 1940 verboten.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

"P" für "Polen"

RELIGIÖS VERFOLGTE

Der christliche Glaube war für viele unvereinbar mit den Gräueltaten der Nazis. Einige Christen solidarisierten sich deshalb mit NS-Verfolgten oder gingen in den Widerstand.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Lila Winkel

SCHWARZE MENSCHEN

Schwarze Menschen wurden in der NS-Zeit stark diskriminiert und durch Hetzkampagnen angefeindet. Sie wurden auch zwangssterilisiert und in KZs inhaftiert.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Eine eigene Zwangskennzeichnung für diese Gruppe gab es nicht.

SINTI UND ROMA

Sinti und Roma wurden von den Nazis aus "rasseideologischen" Gründen systematisch verfolgt. Geschätzt 500.000 Sinti und Roma wurden im 20. Jahrhundert ermordet.

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Brauner Winkel

ZWANGSARBEITER:INNEN

Das NS-Regime zwang über 13 Millionen Menschen zur Zwangsarbeit, sowohl im Reichsgebiet als auch in den besetzten Gebieten

ZWANGS­KENNZEICHNUNG

Polnische Zwangsarbeiter:innen mussten ein auf der Spitze stehendes Quadrat mit dem Buchstaben „P“, Zwangsarbeiter:innen aus der UdSSR einen Stoffstreifen mit der Aufschrift „Ost“ deutlich sichtbar auf ihrer Oberbekleidung anbringen.

KONZENTRATIONSLAGER

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Im Deutschen Reich gab es zwischen 1933 und 1945 zwischen 2,5 und 3,5 Millionen Häftlinge in den Konzentrationslagern der Nazis. Etwa 450.000 Häftlinge sind in der Haft gestorben – die meisten starben aufgrund ausbleibender medizinischer Versorgung an Krankheiten wie Flecktyphus und anderen Seuchen, andere wurden ermordet oder einfach „totgearbeitet“.
Die Häftlinge kamen nicht auf der Grundlage eines Gerichtsurteils ins KZ – in der Regel wurden sie von lokalen Polizeibehörden, seltener auf richterliche Anordnung, eingewiesen.

Einmal im KZ angekommen, waren die Häftlinge komplett rechtlos. Ihnen wurden alle persönlichen Gegenstände, auch die persönliche Bekleidung, abgenommen, die Körperbehaarung wurde rasiert, sie erhielten gestreifte Häftlingskleidung und ein Essgeschirr. Und eine Nummer. Im KZ gab es für die Häftlinge keine Namen – man hatte sich beim Wachpersonal grundsätzlich „in strammer Haltung“ mit seiner Häftlingsnummer zu melden. Überhaupt hatte die SS den Lagern ein pseudomilitärisches Gepräge gegeben – es wurde marschiert, strammgestanden, es gab endlose lange Appelle.


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QUELLEN

Wiedergutmachung Luxemburger Abkommen

The first Chancellor of post-war West Germany, Konrad Adenauer, with his aide Prof. Boehm, at the signing of the Reparations Agreement between Israel, West Germany, and the Committee on Jewish Material Claims. United States Holocaust Memorial Museum Photo Archives #11018. Courtesy of Benjamin Ferencz. Copyright of United States Holocaust Memorial Museum.

KZ Buchenwald, Häftlinge

Dutch Jews wearing prison uniforms marked with a yellow star and the letter „N“, for Netherlands, stand at attention during a roll call at the Buchenwald concentration camp. United States Holocaust Memorial Museum Photo Archives #83718. Courtesy of Gedenkstätte Buchenwald. Copyright of United States Holocaust Memorial Museum.

KZ Dachau

Survivors stand behind the barbed wire fence in Dachau. United States Holocaust Memorial Museum Photo Archives #04497. Courtesy of National Archives and Records Administration, College Park. Copyright of United States Holocaust Memorial Museum.