1933

MARTHA MUCHOW FLUCHT IN DEN TOD

Martha forscht und lehrt als Psychologin an der Universität Hamburg. Sie ist sehr engagiert, sowohl für ihre Studierenden als auch für Kinder und Jugendliche aus der Arbeiterschicht. Wie ihr Chef, der berühmte Psychologe William Stern, sieht sie in jedem Menschen besondere Begabungen. Doch als die Nationalsozialist:innen an die Macht kommen, gilt sie als Feindin des neuen Regimes. Marthas Werte und ihr gesellschaftliches Engagement sind ihnen ein Dorn im Auge. Sie wird verleumdet und entlassen, ihr Institut und damit ihre geistige Heimat aufgelöst. Martha verliert ihren wichtigsten Lebensinhalt und schließlich auch ihren Lebensmut.

1892

Die Ausschläger Allee, Ecke Zollvereinstr. in Hamburg-Rothenburgsort um 1915. Hier hat Marthas Familie gewohnt.

Martha Marie Muchow kommt am 25. September 1892 als erstes Kind des Zollinspektors Johannes Muchow und seiner Frau Dorothee, geborene Korff, zur Welt. Acht Jahre später wird ihr kleiner Bruder Hans Heinrich geboren. Die Familie wohnt im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort. Marthas und Hans’ Eltern legen viel Wert auf die Bildung ihrer Kinder. Vater Johannes stellt täglich Fragen zu Unterrichtsinhalten und Mutter Doro achtet besonders darauf, dass sämtliche Hausaufgaben erledigt werden.

1899-1912

Das Lyceum für Mädchen in Altona um 1905. Hier ist Martha zur Schule gegangen.

Nach der Volksschule besucht Martha eine private höhere Mädchenschule. Anschließend wechselt sie auf das städtische Lyzeum und dann auf das Oberlyzeum in Altona. Martha ist sehr wissbegierig. Als Jugendliche besucht sie zusätzlich zum Schulunterricht Vorlesungen in den Fächern Literatur, Religion, Geschichte, Kunstgeschichte, Englisch und Französisch. Im Februar 1912 macht sie ihr Abitur, das damals “Reifeprüfung” heißt.

1913-1915

Die Alexandrinenschule in Tondern um 1915.

Nach nur einem Jahr Vorbereitungszeit besteht Martha am 15. Februar 1913 die Lehramtsprüfung. Kurz darauf arbeitet sie schon als Lehrerin an der Alexandrinenschule in Tondern, einer kleinen Stadt an der dänisch-deutschen Grenze. Sie unterrichtet dort hauptsächlich die Fächer Mathematik und Physik, doch gelegentlich auch Erdkunde, Religion, Englisch, Französisch, Rechnen, Schreiben und Zeichnen. Martha mag die Arbeit mit den Schülerinnen, aber es zieht sie zurück in ihre Heimatstadt. Nach zwei Jahren bittet sie die Hamburger Schulbehörde darum, sie dort als Lehrerin einzustellen.

1916

Psychologe William Stern, Datum unbekannt

Im Herbst 1915 zieht Martha zurück nach Hamburg, wo sie an verschiedenen Volksschulen unterrichtet. Doch sie will noch mehr darüber wissen, wie Kinder lernen und sich entwickeln – sie möchte die wissenschaftlichen Grundlagen ihrer Arbeit erforschen. Also besucht sie ab 1916 Veranstaltungen des Psychologischen Laboratoriums, eines Instituts mit Werkstatt und Versuchsräumen, in dem empirisch geforscht wird. Der Gründer des Laboratoriums, Ernst Meumann, hat bedeutende Arbeit für die pädagogische Psychologie und die experimentelle Pädagogik geleistet. Er hat unter anderem erforscht, wie Kinder und Jugendliche durch Spielen, Entdecken und Ausprobieren noch besser lernen. Nun leitet der Psychologe William Stern das Laboratorium. Auch er befasst sich mit der Entwicklung von Kindern. Bekannt ist er für die Entwicklung des Intelligenzquotienten (IQ) zur Messung von Intelligenz bei Kindern und Jugendlichen.

William Stern

Familie_Clara_und_William_Stern_vor_1914
Familie Clara und William Stern vor 1914.

William Stern wurde am 29. April 1871 in Berlin als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Er war ein Pionier und Wegbereiter der Psychologie, insbesondere der Kinderpsychologie und Intelligenzforschung.

Stern entwickelte die Formel für den Intelligenzquotienten (IQ), die so ähnlich bis heute verwendet wird, und verfeinerte damit frühere Intelligenztests. Immer wieder betonte er jedoch, dass ein IQ-Test niemals alleine stehen dürfe – es müsse stets die gesamte Persönlichkeit eines Menschen betrachtet werden. Als Grundlage für seine Forschung in der Kinder- und Jugendpsychologie dienten Beobachtungen seiner Frau Clara Stern, geb. Joseephy. Sie dokumentierte das Verhalten der drei gemeinsamen Kinder Hilde, Günther und Eva ganz genau. Abends analysierten William und Clara Stern die Tagebücher im gemeinsamen Arbeitszimmer.

Abgesehen von der Entwicklung des IQs ist die Forschungsarbeit von William Stern heute weitestgehend in Vergessenheit geraten. Dabei war er einer der einflussreichsten Psychologen seiner Zeit und eine Berühmtheit in Deutschland und den USA.


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1918

Jugendliche in ihrem Klassenzimmer um 1920. Nach der Volksschule lernen Jungen und Mädchen getrennt.

Spätestens jetzt ist für Martha klar, dass sie selbst Forschung betreiben will. 1918 beteiligt sie sich an dem Verfahren zur Auswahl hochbegabter Schüler:innen in Hamburg. Gemeinsam mit den Mitarbeiter:innen des Psychologischen Laboratoriums entwirft sie einen Beobachtungsbogen, entwickelt einen Test und wertet schließlich die Ergebnisse aus. In diesem Jahr veröffentlicht sie auch ihre ersten wissenschaftlichen Artikel über pädagogisch-psychologische Methoden in der “Preußischen Volksschullehrerinnen-Zeitung”.

1919

Der Park hinter dem Hauptgebäude der Uni Hamburg ist heute nach Ernst Cassirer benannt.

Im Jahr 1919 wird die Universität Hamburg gegründet. Das Psychologische Laboratorium wird nun Teil des Psychologischen Seminars, das weiterhin William Stern leitet. Martha schreibt sich als eine der ersten Studentinnen an der neuen Uni ein. Sie studiert die Fächer Psychologie, Philosophie, Deutsche Philologie und Literaturwissenschaft.

1920

William Sterns Bitte an die Oberschulbehörde, Martha im Herbst 1923 erneut vom Schuldienst zu beurlauben.

William Stern ist überzeugt von Marthas Können als Wissenschaftlerin und will sie als seine Mitarbeiterin gewinnen. Im Herbst 1920 gelingt es ihm, sie aus dem Schuldienst beurlauben zu lassen. Martha arbeitet nun im Psychologischen Laboratorium als wissenschaftliche Hilfsarbeiterin.

1923

Eine Abschrift der Urkunde, die Martha 1923 zu ihrer bestandenen Promotionsprüfung erhält.

Martha schließt ihr Studium mit einer Doktorarbeit mit dem Titel “Studien zur Psychologie des Erziehers. Methodologische Grundlegung einer Untersuchung der erzieherischen Begabung” ab und ist nun Dr. Martha Muchow. Die Arbeit wird von ihren Prüfern hoch gelobt.
Neben ihren Forschungen an der Universität engagiert sich Martha gemeinsam mit ihrem Bruder Hans in Jugendbewegungen, die in dieser Zeit sehr beliebt sind. Die Vereine sind oft kirchlich oder politisch gebunden, andere organisieren sich in der Bündischen Jugend, die zum Beispiel die “Wandervögel” umfasst. Die “Kulturelle Vereinigung Volksheim e. V.”, in der Martha unter anderem aktiv ist, will mit kostenlosen Kulturangeboten junge Menschen aus unterschiedlichen Schichten zusammenbringen. Die Volksheime sind Vorläufer der heutigen Jugendzentren.

1926

Eine Gruppe von Kindern am Markt Meßberg in Hamburg 1927.

Im Jahr 1926 wird die Ausbildung zukünftiger Volksschullehrer:innen in Hamburg der Universität übertragen. Martha leitet nun Praktika für die Studierenden, in denen sie das Verhalten von Kindern und Jugendlichen beobachten. Sie suchen Orte im Stadtteil Hamburg Barmbek auf, an denen Kinder aus Arbeiterfamilien spielen. Aus den Beobachtungen entstehen psychologische Studien dazu, wie Kinder ihre Umwelt wahrnehmen und darin handeln. Martha ist eine der ersten Psycholog:innen, die auf diese Art forscht.


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1927

Frauen betreuen Kinder auf einem Spielplatz. Ort unbekannt, um 1925.

Das Hamburger Fröbelseminar, in dem Frauen in pädagogischen Berufen ausgebildet werden, richtet 1927 einen neuen Lehrgang für angehende Jugendleiterinnen ein. Martha übernimmt dort den Psychologieunterricht. Sie ist schon vorher aktiv in der Fröbelbewegung, zum Beispiel schreibt sie Artikel für die Zeitschrift “Kindergarten” des Deutschen Fröbel-Verbandes. Außerdem beteiligt sich Martha an Arbeitsgemeinschaften und Ausschüssen des Hamburger Lehrervereins. Dort wirkt sie an Entscheidungen zur Zeugnisreform mit und kümmert sich insbesondere um das Thema Betreuungsplätze für Großstadtkinder.

Pädagogik vor 1933

In den 1920er Jahren werden eine Vielzahl von Ideen zur modernen Kindererziehung immer beliebter, die unter dem Begriff “Reformpädagogik” zusammengefasst werden. Dazu gehören zum Beispiel die Ansätze von Fröbel und Montessori. Friedrich Fröbel (1782-1852) ist der Erfinder des Kindergartens. Er war überzeugt, dass Kinder durch spielerisches Lernen und kreative Aktivitäten am besten lernen. Im Kindergarten sah er einen Ort, an dem Kinder in einer freundlichen Umgebung durch Spiele, Lieder und das Gestalten mit einfachen Materialien ihre Fähigkeiten entwickeln können. Maria Montessori (1870-1952) entwickelte ebenfalls neue Lernmethoden. Ihr Ansatz basierte darauf, dass Kinder in einer vorbereiteten Umgebung ihre Bildung selbstständig entdecken und erforschen sollten. Montessori erfand spezielle Spielzeuge, die den Kindern helfen, durch praktische Erfahrungen zu lernen. Sie war davon überzeugt, dass jedes Kind ein inneres Potenzial hat, das durch Freiheit und Selbstbestimmung in einer respektvollen Umgebung erblühen kann.

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Montessori-Kinderheim in Berlin-Dahlem 1930.

Pädagogik nach 1933

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Kinder einer fünften Volksschulklasse zeigen den “Hitlergruß”, Berlin 1934.

Statt freier Entfaltung und eigenständigem Denken war nach der Machtübernahme der Nationalsozialist:innen 1933 vor allem bedingungsloser Gehorsam das Ziel der Erziehung. Im Schulunterricht wurden nationalsozialistische Rollenbilder vermittelt. Lehrer:innen und Erzieher:innen, die sich dagegen wehrten, die jüdischer Herkunft waren oder aus anderen Gründen nicht zur nationalsozialistischen Ideologie passten, wurden entlassen. Nach und nach mussten sich auch alle freien Jugendorganisationen entweder den Gliederungen der NSDAP unterordnen oder sich auflösen. Statt der Vielfalt an kirchlichen, politischen und unpolitischen Jugendgruppen gab es nun die Hitlerjugend (HJ) für Jungen und den Bund Deutscher Mädel (BDM) für Mädchen. Ausflüge, Zeltlager, Unterricht in “Rassenlehre” – die gesamte Freizeit wurde mit klarer Führungsstruktur gestaltet und die Mitgliedschaft wurde bald zur Pflicht. So stellten die Nationalsozialist:innen ihre lückenlose Kontrolle über die Erziehung von Kindern und Jugendlichen sicher.

1929

Die Bornplatzsynagoge, Hamburg 1906.

Das Psychologische Institut zieht in den sogenannten “Pferdestall” um, ein Uni-Gebäude am Bornplatz. Dort ist das Zentrum des jüdischen Lebens in Hamburg. Martha kann von ihrem Arbeitsplatz aus auf die Bornplatzsynagoge blicken, eine der größten Synagogen im Deutschen Reich. Gleich daneben befindet sich die Talmud-Tora-Schule, die größte jüdische Schule Norddeutschlands. Im “Pferdestall” arbeiten außerdem der bekannte jüdische Philosoph und Rektor der Uni Hamburg Ernst Cassirer sowie Agathe Lasch, Germanistin und erste jüdische Professorin Deutschlands.

1930

Feier anlässlich des 60. Geburtstags von William Stern. Martha sitzend, 1. v. r. neben William Stern.

Am 18. März 1930 befördert die Uni Hamburg Martha zum “Wissenschaftlichen Rat” – eine weibliche Bezeichnung dafür gibt es in dieser Zeit noch nicht. In der Rangfolge des Psychologischen Instituts folgt Martha nun direkt auf ihren Chef Prof. William Stern, der für die Beförderung gesorgt hat und inzwischen ein enger Vertrauter für sie ist. Er sieht in Martha die perfekte Kandidatin für die zukünftige Professor:innenstelle am neu gegründeten Pädagogischen Institut.

Winter 1930/31

Marthas Ruf als Psychologin reicht inzwischen bis ins Ausland. Im Winter 1930/31 erhält sie eine Einladung in die USA. Vier Monate lang reist sie in zwölf Städte, um dort Vorträge über ihre Forschung zu halten. Martha ist beeindruckt, insbesondere von New York City, und mehrere Universitäten in den Vereinigten Staaten bieten ihr Arbeitsstellen an. Doch sie möchte nicht dort bleiben. Sie findet, dass es bei der Forschung zu viel um Geld geht und zu wenig um moralische Werte. Außerdem ist die Durchmischung von Kulturen und Sprachen im “Melting Pot” ungewohnt für sie. “Hier merke ich doch, wie sehr kultur- und schicksalsverbunden ich im Grunde bin”, schreibt sie in einem Brief.

1931

Tischrunde vermutlich in Hamburg 1931, Martha 3. v. l.

Martha kehrt aus den USA nach Hamburg zurück. Doch durch den “Weltbund zur Erneuerung der Erziehung” (WEE), über den sich Reformpädagog:innen austauschen, knüpft sie weiterhin internationale Kontakte und reist für Tagungen durch Europa. Im Jahr 1931 tagt der Kongress der “Deutschen Gesellschaft für Psychologie” (DGP) in Hamburg. Martha beteiligt sich intensiv an den Vorbereitungen und dessen Durchführung. William Stern wird zum Vorsitzenden der DGP gewählt.

1932

Mitglieder der SA mit erbeuteter Fahne des roten Frontkämpferbundes in Hamburg.

Martha wird nun 40 Jahre alt und ihre Karriere als Wissenschaftlerin geht steil bergauf. Doch die politischen Entwicklungen in Deutschland machen ihr Sorgen. In Marthas demokratisch gesinnten Umfeld bekommen viele bereits zu spüren, dass der Einfluss von Hitlers Anhänger:innen immer stärker wird. In den deutschen Großstädten liefern sich in dieser Zeit die nationalsozialistischen Schlägertrupps der SA blutige Straßenschlachten mit Mitgliedern der kommunistischen Rotfrontkämpfer. Am 14. März 1931 wird der Kommunist Ernst Henning in Hamburg von SA-Männern ermordet. Der Altonaer “Blutsonntag” am 17. Juli 1932 wird der deutschlandweite Höhepunkt der Unruhen.

Altonaer “Blutsonntag”

Nachdem das Verbot ihrer Organisation aufgehoben worden war, versammelten sich rund 7.500 SA-Mitglieder zu einem Aufmarsch in einem kommunistisch dominierten Arbeiterviertel Altonas. Die spannungsgeladene Situation eskalierte, als Schüsse fielen. 18 Menschen wurden getötet, die meisten von ihnen durch Polizeikommandos, die um sich schossen. Alle Seiten versuchten im Anschluss, das Ereignis für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Der deutsche Reichskanzler Franz von Papen nahm den Altonaer “Blutsonntag” zum Anlass, um die sozialdemokratische Regierung Preußens abzusetzen – und damit eine Forderung Hitlers zu erfüllen und ihm weiter den Weg zu ebnen.

Polizeistreife_nach_Altonaer_Blutsonntag
Polizeistreife nach Altonaer “Blutsonntag” 1932.

April 1933

Die Werkstatt des Psychologischen Instituts Hamburg um 1931.

Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, übernehmen die Nationalsozialist:innen die Macht über das Deutsche Reich. Sie beginnen sofort damit, Meinungsfreiheit und potentiellen Widerstand auszuschalten. Marthas Psychologisches Institut trifft es am 7. April 1933. An diesem Tag tritt das “Berufsbeamtengesetz” in Kraft, das darauf abzielt, jüdische und andere unerwünschte Menschen aus staatlichen Ämtern zu entfernen. Die Professoren William Stern und Heinz Werner werden entlassen, ebenso wie alle Mitarbeiter:innen des Instituts bis auf Martha und zwei weitere nicht-jüdische Kolleg:innen. Diese Ungerechtigkeit nimmt Martha sehr mit. Theoretisch liegt die Leitung des Instituts nun bei ihr. Doch wie sollen Forschung und Lehre ohne die beiden Professoren und mit nur drei Mitarbeitenden funktionieren? Nur zwei Tage später, am 9. April 1933, stirbt Marthas Mutter plötzlich an einem Schlaganfall. Martha leidet schwer unter dem Schicksalsschlag.

Das “Gesetz zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums”

Schild_Liebenthal_Rechtsanwalt_1933
Der jüdische Notar und Rechtsanwalt Dr. Werner Liebenthal erhielt 1933 Berufsverbot.

Am 7. April 1933 erließ die nationalsozialistische Regierung im Deutschen Reich das “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums”. Der Name ist irreführend, denn ein Berufsbeamtentum gab es bereits. In Wirklichkeit handelte es sich um eine Maßnahme der neuen Diktatur, die sicherstellen sollte, dass ausschließlich Anhänger:innen des Nationalsozialismus Zugang zu staatlichen und städtischen Ämtern bekamen. Das neue Gesetz bewirkte, dass Menschen, “die nicht arischer Abstammung” waren oder “die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten”, entlassen wurden. Außerdem waren Entlassungen zur “Vereinfachung der Verwaltung” möglich, was zusätzlich den Weg frei machte für die willkürliche Entfernung von unerwünschten Personen. Rund zwei Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst waren betroffen.

Juli 1933

Der Brief vom 10. Juli 1933, in dem Martha verleumdet wird.

Am 12. Juli erreicht ein Brief die Hochschulbehörde Hamburgs, der Martha und ihre verbliebenen Kolleg:innen Dr. Wunderlich und Dr. Knoblauch beleidigt und ihre Entlassung fordert. Es wird behauptet, Martha würde mit William Stern “Pläne ausarbeiten” und sei dazu “beauftragt, das hamburgische Schulwesen ‘psychologisch’ im marxistischen Sinne zu durchdringen”. Ihr gesellschaftliches Engagement in der Jugendbewegung und der Reformpädagogik machen Martha nun zu “einer marxistisch eingestellten Demokratin, deren ganzes Lebenswerk auf Bekämpfung der jetzt siegreichen Ideen eingestellt war”.
Unterzeichnet haben den Brief drei ehemalige Mitarbeiter des Psychologischen Instituts. Einer von ihnen ist Hans-Paul Roloff, der zur gleichen Zeit wie Martha von William Stern gefördert wurde. Wegen langer Krankheit war er jedoch nicht befördert, sondern schließlich entlassen worden. Er hat sich sehr früh dem Nationalsozialismus zugewandt und ist nun NSDAP-Ortsgruppenleiter. Offensichtlich ist er auf Rache aus.

September 1933

Bildhauerin Karin Bohrmann erstellte die Büste von Martha anlässlich ihres 120. Geburtstags.

Der Brief hat Erfolg. Am 13. September 1933 ordnet der Präses der Landesunterrichtsbehörde an, dass Martha zurück in den Schuldienst und damit aus der Universität entlassen werden soll – nicht jedoch bevor sie ihre eigene Entlassung als Institutsleitung abgewickelt hat. Am 25. September, Marthas 41. Geburtstag, muss sie das Psychologische Institut offiziell an den Nationalsozialisten Gustaf Deuchler übergeben. Zwei Tage später versucht Martha, sich das Leben zu nehmen und erliegt schließlich am 29. September ihren Verletzungen.

1934

In seinem Semesterbericht veröffentlicht William Stern noch 1933 einen Nachruf auf Martha. Im Jahr darauf erscheinen in wissenschaftlichen Zeitschriften die Erinnerungen einiger Studentinnen, die Martha unterrichtet hatte. Sie beschreiben Martha als herausragende Lehrerin: “Man wurde selbst mehr, wenn man mit ihr sprach; uns gingen im Gespräch neue Blickrichtungen, neue Zusammenhänge auf. Und kleinliche, müde Besorgnisse vergaß man ihr vorzubringen, so unüberwindlich sie vorher erschienen waren. Sicher saß man ihr gegenüber: man wusste sich durchschaut, aber zugleich erfasst und gewertet nach eben den Möglichkeiten, die man mitbrachte, ob groß oder klein.”

1935

 

Marthas Bruder Hans Muchow, der nun als Lehrer für Geschichte und Deutsch arbeitet, veröffentlicht “Der Lebensraum des Großstadtkindes”. Das Buch enthält Marthas Hauptwerk, das sie 1934 veröffentlichen wollte. Grundlage der Studie sind die Beobachtungen, die sie mit ihren Studierenden durchgeführt hatte. Das Buch wird viel später wieder Beachtung finden und mehrfach neu aufgelegt werden, zuletzt im Jahr 2012.

2002

Die “Spirale der Erinnerung” im Garten der Frauen in Hamburg. Stein für Martha hinten in der Mitte.

Marthas Name wird im “Garten der Frauen” auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf in einem Gedenkstein verewigt. Der “Garten der Frauen” erinnert an Frauen, die die Geschichte Hamburgs geprägt haben.

2006 - 2012

Der Stolperstein für Martha Muchow vor dem Hauptgebäude der Uni Hamburg kurz nach der Verlegung.

Die neue Bibliothek der Pädagogischen Fakultät der Uni Hamburg, die im Jahr 2006 eingeweiht wird, bekommt den Namen Martha-Muchow-Bibliothek. Sie steht ganz in der Nähe des Gebäudes, in dem Marthas Institut zu ihrer Zeit untergebracht war. Das Wandbild von Martha mit ihrer Unterschrift und einem Zitat aus “Der Lebensraum des Großstadtkindes” blickt direkt auf die Stelle, an der die Bornplatzsynagoge stand. Anlässlich ihres 120. Geburtstages widmet die Bibliothek im Jahr 2012 dem Leben und Wirken von Martha eine Ausstellung.
Im April 2010 werden auf dem Bürgersteig vor dem Hauptgebäude der Universität Hamburg zehn Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Mitglieder der Uni, die Opfer von nationalsozialistischer Verfolgung wurden, darunter auch Martha.

2014

Im Jahr 2014 feiert der Dokumentarfilm “Auf den Spuren von Martha Muchow” in Hamburg Premiere. Darin werden die Besonderheiten in Marthas Art zu forschen und zu lehren von Expert:innen anschaulich gemacht.

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Autorin: Alina Besser

Zitate

Alle Zitate nach: Faulstich-Wieland, Hannelore / Faulstich, Peter, Lebenswege und Lernräume. Martha Muchow: Leben, Werk und Weiterwirken, Weinheim 2012.

Online-Quellen

Artikel “Altonaer Blutsonntag” auf der Webseite Geschichtsbuch.hamburg.de geschichtsbuch.hamburg.de.

Artikel “Arierparagraph” des Deutschen Historischen Museums auf LeMO: dhm.de.

Artikel “Gleichschaltung” des Deutschen Historischen Museums auf LeMO: dhm.de.

Artikel “Halt im Jugendverein” über die Geschichte der Jugendvereine 1918-1945 auf Zeitklicks.de: zeitklicks.de.

Biografie von Hans-Paul Roloff in der Datenbank “Die Dabeigewesenen” der Stadt Hamburg: hamburg.de.

Dokumentarfilm “Auf den Spuren von Martha Muchow” (2016) von Günter Mey und Günter Wallbrecht: youtube.

Kurzbiografie und Links zu Schriften von Martha Muchow auf der Seite der Martha-Muchow-Bibliothek: ew.uni-hamburg.de.

Webseite der Kulturellen Vereinigung Volksheim e. V. Hamburg: volksheim.de.

Webseite Garten der Frauen e. V. Hamburg: garten-der-frauen.de.

William Sterns Lebensgeschichte anlässlich seines 150. Geburtstages auf der Webseite der Universität Würzburg: uni-wuerzburg.de.

QUELLEN

Personalakte Martha Muchow:
Staatsarchiv Hamburg, 361-6 Hochschulwesen Dozenten- und Personalakten I 53.

SEKUNDÄRQUELLEN

Faulstich-Wieland, Hannelore / Faulstich, Peter, Lebenswege und Lernräume. Martha Muchow: Leben, Werk und Weiterwirken, Weinheim 2012.

Grüttner, Michael, The Expulsion of Academic Teaching Staff from German Universities, 1933–45, in: Journal of Contemporary History 57 (2022), S. 513–533.

Grüttner, Michael / Kinas, Sven, Die Vertreibung von Wissenschaftlern aus den deutschen Universitäten 1933–1945, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 55 (2007), S. 123-186.

Moser, Helmut, Zur Entwicklung der akademischen Psychologie in Hamburg bis 1945. Eine Kontrast-Skizze als Würdigung des vergessenen Erbes von William Stern, in: Krause, Eckart et al. (Hg.), Hochschulalltag im “Dritten Reich”. Die Hamburger Universität 1933-1945 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 3), Berlin 1991, S. 483-518.

Muchow, Martha / Muchow, Hans Heinrich, Der Lebensraum des Großstadtkindes. Herausgegeben von Imbke Behnken und Michael-Sebastian Honig. Neuausgabe Weinheim 2012.

Pawlik, Kurt, Mehr als 100 Jahre akademische Psychologie in Hamburg. Vom Werden einer Einzelwissenschaft und Profession, in: Nicolaysen, Rainer et al. (Hg.), 100 Jahre Universität Hamburg (2), S. 583-619.

Zinnecker, Jürgen, Recherchen zum Lebensraum des Großstadtkindes. Eine Reise in verschüttete Lebenswelten und Wissenschaftstraditionen (1978), S.19-74, in: Muchow, Martha / Muchow, Hans Heinrich, Der Lebensraum des Großstadtkindes. Herausgegeben von Imbke Behnken und Michael-Sebastian Honig. Neuausgabe Weinheim 2012.

Zinnecker, Jürgen, Martha Muchow. Materialien zur Biografie einer Wissenschaftlerin, S.161-174, , in: Muchow, Martha / Muchow, Hans Heinrich, Der Lebensraum des Großstadtkindes. Herausgegeben von Imbke Behnken und Michael-Sebastian Honig. Neuausgabe Weinheim 2012.

BILDQUELLEN

60. Geburtstag William Stern

Fotograf:in unbekannt, 60. Geburtstag William Stern, Hamburg 1931, unknown rightsholder.

Alexandrinenschule außen 1915

Fotograf:in unbekannt, Alexandrinenskole, set fra bagsiden, um 1915, Lokalhistorisk Arkiv for Gl.-Tønder Kommune, Danmark, B3277.

Auf der Wippe 1920er

Fotograf:in unbekannt, Auf der Wippe, 1920-1929, Copyright oberholz/WDR digit, online abrufbar unter: digit.wdr.de.

Ausschläger Allee/Zollvereinstr. 1915

Ausschläger Allee/Zollvereinstr. 1915, Bildarchiv Hamburg BA0057.

Beurlaubung vom Schuldienst 1923

Abschrift Schreiben vom 2.9.1923 an die Oberschulbehörde, Staatsarchiv Hamburg, 361-6 Hochschulwesen Dozenten- und Personalakten I 53, Blatt 13.

Bornplatzsynagoge

Fotograf:in unbekannt, Bornplatzsynagoge, gemeinfrei, online abrufbar unter: wikipedia.org.

Bücherverbrennung Hamburg 1933

Joseph Schorer, Bücherverbrennung in Hamburg am Kaiser-Friedrich-Ufer, 1933, Copyright Deutsches Historisches Museum, Schorer 020/4, dhm.de.

Büste Martha Muchow

Hannelore Faulstich-Wieland, Büste Martha Muchow, 2012.

Doktorbrief Martha Muchow

Abschrift Doktorbrief Martha Muchow, Staatsarchiv Hamburg, 361-6 Hochschulwesen Dozenten- und Personalakten I 53, Blatt 21.

Erinnerungsspirale Garten der Frauen Hamburg

Histho, Garten der Frauen Erinnerungsspirale, 2021, CC-BY-SA 4.0, online abrufbar unter: wikipedia.org. Lizenz: Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Familie Clara und William Stern vor 1914

Fotograf:in unbekannt, Familie_Clara_und_William_Stern_vor_1914, vermutlich gemeinfrei, online abrufbar unter: wikipedia.org.

Gruppenbild Tischrunde

Fotograf:in unbekannt, Gruppenbild Tischrunde, vermutlich Hamburg 1931, unknown rightsholder.

Hamburg Jungfernstieg (1890-1905)

Fotograf:in unbekannt, Hamburg Jungfernstieg 1890-1905, gemeinfrei, online abrufbar unter: wikipedia.org.

Hauptgebäude Uni Hamburg Rückansicht 2012

hh oldman, Vorlesungsgebäude(hinten) – panoramio, CC-BY 3.0, online abrufbar unter: wikimedia.org. Lizenz: Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Kinder einer fünften Volksschulklasse, Berlin 1934

Fotograf:in unbekannt, Kinder einer fünften Volksschulklasse, Berlin 1934, Bundesarchiv, Bild 183-2007-0329-501, CC-BY-SA.

Kindergruppe am Meßberg (Altstadt) 1927

Kindergruppe am Meßberg
(Altstadt) 1927, Bildarchiv Hamburg BA6057.

Lyceum Altona

Lyceum Altona, Bildarchiv Hamburg AA2255.

Martha Muchow um 1930

Fotograf:in unbekannt, Martha Muchow um 1930, unknown rightsholder, erstmals erschienen in: Die Frau (1934).

Mitglieder der SA mit erbeuteter Fahne

Joseph Schorer, Mitglieder der SA mit erbeuteter Fahne des roten Frontkämpferbundes, 1931/1933, Copyright Deutsches Historisches Museum, Schorer 20/18, online abrufbar unter: wikipedia.org.

Montessori Kinderheim Berlin-Dahlem 1930

Fotografi:in unbekannt, Berlin-Dahlem, Montessori-Kinderheim Juli 1930, Bundesarchiv Bild 102-10200, CC-BY-SA 3.0,online abrufbar unter: wikimedia.org. Lizenz: Lizenz: CC BY-SA 3.0.

New York City Manhattan 1932

Samuel H. Gottscho, Mid Manhattan 1932, public domain, online abrufbar unter: wikimedia.org.

Nachruf Martha Muchow von William Stern 1933

Stern, William, Nachruf auf Martha Muchow, 1933, unknown rightsholder, erstmals erschienen in: Stern, William, Aus den letzten Arbeiten den Psychologischen Instituts der Hamburgischen Universität 1932-1933, Zeitschrift für angewandte Psychologie 45 (1932), S. 397-418, hier S. 418.

Schild Liebenthal Rechtsanwalt 1933

Etan J. Tal, LiebenthalRechtsanwalt2, CC-BY-SA 3.0, online abrufbar unter: wikimedia.org. Lizenz: Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Stolperstein Martha Muchow Uni Hamburg

Hannelore Faulstich-Wieland, Stolperstein Martha Muchow, 2010, Copyright Hannelore Faulstich-Wieland

Unterrichtshefte

Fotograf:in unbekannt, “Unterrichtshefte” 1920er, Copyright WDR Digit/filmore-bergerarchiv, online abrufbar unter: digit.wdr.de.

Wandbild Martha Muchow

Hinnerk11/Wikimedia, Martha_Muchow_Wandbild 2019, CC BY-SA 4.0, online abrufbar unter: wikimedia.org. Lizenz: Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Werkstatt Psychologisches Institut Hamburg 1931

Fotograf:in unbekannt, Werkstatt Psychologisches Institut Hamburg, ca. 1931, unknown rightsholder, erstmals erschienen in: Stern, William, Das Psychologische Institut der Universität Hamburg in seiner gegenwärtigen Gestalt, in: Zeitschrift für angewandte Psychologie 39 (1931), S. 1-52, hier S. 8.

William Stern undatiert

Fotograf:in unbekannt, William Stern, undatiert, Leo Baeck Institute, F 3388, online abrufbar unter: digipres.cjh.org.

Hinweis: Trotz großer Recherchebemühungen ist es uns nicht gelungen, für einige der verwendeten Bilder Urheber bzw. Rechteinhaber ausfindig zu machen. Sollten Sie Rechte an einem der verwendeten Bilder innehaben, melden Sie sich bitte bei uns unter info@nsberatung.de.

ZUSÄTZLICH VERWENDETES QUELLENMATERIAL AUF UNSEREN SOCIAL MEDIA KANÄLEN

BDM-Aufmarsch Hamburg 1934

Joseph Schorer, BDM-Aufmarsch, Hamburg 1934, Copyright Deutsches Historisches Museum, Schorer 17/6, online abrufbar unter: dhm.de.

Einwanderungsurkunde Albert Einstein 1936

Declaration of Intention for Albert Einstein 1936, Junkyardsparkle/Wikimedia, public domain, online abrufbar unter: wikimedia.org.

SA-Aufmarsch Braunschweig 1923

Fotograf:in unbekannt, SA-Aufmarsch Braunschweig, 1923, Bundesarchiv Bild 102-13376, Lizenz: CC BY-SA 3.0, online abrufbar unter: wikimedia.org.

Stolperstein Martha Muchow

Hinnerk11/Wikimedia, Stolperstein_Edmund-Siemers-Allee_1_(Martha_Muchow)_in_Hamburg-Rotherbaum, Lizenz: CC BY-SA 3.0, online abrufbar unter: wikimedia.org.

View of Nürnberger Tor 1938

Fotograf:in unbekannt, View of Nürnberger Tor Erlangen, 1938, United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Stadtarchiv und Stadtmuseum Erlangen, Bild Nr. 04366, public domain, online abrufbar unter: collections.ushmm.org.

WEITERE FÄLLE

Natalija
Radtschenko

Isa
Vermehren

Alexandra
Povòrina

Theo
Hespers