1945

LUDWIG BAUMANN ÜBERLEBT

Ludwig Baumann ist 19, als er zur Kriegsmarine einberufen wird. Ausgerechnet ein Propagandafilm der Wochenschau, in dem das Regime über die Erfolge der Wehrmacht in Russland tönt, lässt ihn erkennen, dass er sich an diesem Verbrechen nicht beteiligen will. Er desertiert und wird dafür zum Tode verurteilt. 10 Monate lang sitzt er in der Todeszelle, ohne zu wissen, dass er längst begnadigt ist. Die Nazis schicken den “Begnadigten” in die Hölle: KZ, Wehrmachtsgefängnis, Strafbataillon an der Ostfront. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit überlebt er all das. Noch Jahrzehnte nach Kriegsende wird der schwer Traumatisierte ein “Feigling” genannt. Dann findet er die Kraft, für den Frieden, die Aufarbeitung der NS-Verbrechen und besonders die Rehabilitation der Opfer der NS-Militärjustiz zu kämpfen. Seinen Kampf setzt er unermüdlich bis zu seinem Lebensende fort.

13. Dezember 1921

Ludwig (vorne, 2. von links) mit seinen Freunden

Ludwig Baumann wird in Hamburg-Dammtor geboren. Sein Vater Otto hat einen erfolgreichen Großhandel für Tabakwaren und besitzt mehrere Zigarrengeschäfte, eines davon führt seine Mutter Thea. Ludwig hat auch eine ältere Schwester, Gertrud. Der Vater ist sehr streng und Ludwig hat als Kind große Angst vor ihm. Ludwig ist Legastheniker und wenn er schlechte Diktate nach Hause bringt, wird er geschlagen.

1935

Ludwigs Geburtshaus in Hamburg, bei einer Aktion vor seinem 100. Geburtstag 2021

Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, ist Ludwig zwölf Jahre alt. Mit 14 beginnt er eine Maurerlehre. Die Arbeit macht ihm Spaß. Er ist ehrgeizig und freut sich, dass er sich nicht mehr mit den Büchern herumquälen muss.

November 1937

Ludwigs Mutter Thea Baumann

Seine Mutter Thea stirbt bei einem Autounfall, und Ludwig ist am Boden zerstört. Er beginnt zu rebellieren. Befehl und Gehorsam kennt er von seinem Vater, davon hat er genug. In die HJ oder eine andere NS-Organisation will er deswegen nicht eintreten. Mitglieder der HJ passen ihn sogar auf den Baustellen ab, auf denen er arbeitet. Doch er bleibt standhaft. “Ich wollte da nicht mitmachen. Und das ging sehr wohl”, sagt Ludwig später.

Sommer 1939

Sprengung der militärischen Anlagen mit U-Boot-Bunker durch britische Alliierte auf Helgoland, April 1947

Ludwig ist mit seinem Maurertrupp auf Helgoland, wo Munitionsdepots und U-Boote liegen, als plötzlich Hitler persönlich an ihm vorbei läuft. Er ist so nah, dass er ihn anfassen könnte. Ganz schön klein ist er, denkt Ludwig. Er baut dort an Stolleneingängen. Zweimal lässt er sein Werkzeug absichtlich im Stollen liegen, während Sprengungen gemacht werden. Das ist verboten und er wird dafür von der Gestapo verhaftet – aber das bleibt für ihn folgenlos. Dann möchte Ludwig ein Tiefbaustudium anfangen, dafür wird er von der Arbeit freigestellt.

Frühjahr 1940

Reichsarbeitsdienst (RAD) beim Straßenbau, 1936

Vor dem Reichsarbeitsdienst (RAD) kann Ludwig sich nicht herumdrücken. Nach dem bestandenen Vorsemester in Hamburg wird er nach Ostpreußen geschickt, an die Ostsee. Dort werden Deiche gebaut. Der Ton ist rau. Polnische Zwangsarbeiter sind auch dabei. Ludwig erinnert sich, dass in der Schule über Rassenlehre gesprochen wurde. Die Deutschen seien die „Herrenrasse“, hatte es da geheißen, Polen seien die “Untermenschen”. Ludwig glaubt das nicht. Er fragt sich, warum sollte es Menschen geben, die weniger wert sind als andere? Die polnischen Zwangsarbeiter findet er sympathisch, auch wenn sie sich nicht verständigen können.

6. Februar 1941

Verladeübungen mit einem Panzer III für “Unternehmen Seelöwe”, 1940

Ludwig ist 19, als er in die Wehrmacht eingezogen wird. Er will kein Soldat sein. Aber man darf den Kriegsdienst nicht verweigern. Er kommt zur Kriegsmarine. Seine Grundausbildung findet in Belgien statt, wo er schon am ersten Tag durch seine rebellische Art auffällt. Er weigert sich die Stiefel der Unteroffiziere zu putzen und wird dafür schikaniert. Dann muss er durch den Schlamm robben oder Strafwache stehen. Es geht weiter zur Kanalküste, in die Nähe von Dünkirchen. Seine Kompanie hilft bei den Vorbereitungen auf die geplante Invasion Englands, dem “Unternehmen Seelöwe”. Aber der Angriff wird nie stattfinden.

Juni 1941

Im Sommer 1941 befahl Karl Dönitz die Errichtung eines U-Boot-Bunkers im Hafen von Bordeaux

Dann wird er nach Bordeaux in Südfrankreich geschickt. Dort ist er Wachsoldat in einer Hafenkompanie und lebt auf einem Passagierschiff. Das ist nicht sehr gefährlich, hauptsächlich bewachen sie erbeutete Güter, Lebensmittel, Rohöl und anderes. Er lernt Franzosen kennen und baut Freundschaften zu ihnen auf. Mit dabei ist sein Freund Kurt Oldenburg, der auch aus Hamburg kommt.

Winter 1941/42

Harry Giese, der Moderator der Deutschen Wochenschau, 1941

Ludwig und Kurt sehen im Soldatenkino die “Deutsche Wochenschau”, das ist der offizielle Nachrichtenkanal der Nationalsozialisten. Hier wird nur Propaganda verbreitet. Doch bei Ludwig und Kurt lösen die Berichte aus Russland keine Begeisterung aus. Sie sehen in der Wochenschau, dass die russischen Kriegsgefangenen draußen, im eiskalten Winter bei Temperaturen um minus 35 Grad, keine Wintermäntel erhalten, während in Deutschland Kleidersammlungen für die Wehrmacht stattfinden. In ihnen wächst die Erkenntnis, dass Deutschland schwere Kriegsverbrechen verübt. Und dabei wollen sie nicht mitmachen. Ludwig sagt später über diesen Moment: “Ich hatte erkannt, dass es ein verbrecherischer, völkermörderischer Krieg war.”

3. Juni 1942

Ludwigs Route führt ihn von Bordeaux, gelegen im von Deutschland besetzten Teil Frankreichs, zur Grenze des unbesetzten Vichy-Frankreich

Dann wagen Ludwig und Kurt es gemeinsam: Sie desertieren. Sie haben einen Plan, und auch Helfer. Sie wollen über das unbesetzte Vichy-Frankreich in die zu dieser Zeit französische Kolonie Marokko, und schließlich nach Amerika fliehen. Amerika ist Ludwigs Traum. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni brechen sie in die Waffenkammer der Kompanie ein und bewaffnen sich mit Pistolen. Dann gehen sie heimlich von Bord. An Land warten schon ihre Freunde, es sind französische Widerstandskämpfer. Sie bekommen zivile Kleidung, damit sie wie Franzosen aussehen. Die Freunde fahren Ludwig und Kurt zur unbewachten französischen Grenze. Dort wollen sie die restliche Nacht ausharren und am nächsten Morgen weiter gehen.

Desertion


Plakate warnen vor Fahnenflucht, Danzig Februar 1945

Einmal von der deutschen Wehrmacht als wehrtauglich eingestuft, gab es keine Möglichkeit, so wie es heute selbstverständlich erscheint, den Kriegsdienst zu verweigern oder zu beenden. Kriegsdienstverweigerung, “unerlaubte Entfernung” oder auch “wehrkraftzersetzende Äußerungen” waren nach nationalsozialistischem Recht strafbar. Die Desertion, oder auch “Fahnenflucht” genannt, war für das Regime eine besonders schwere Straftat. “Unbefugte Abwesenheit von der Truppe oder Dienststelle” war bereits ab dem ersten Tag der Abwesenheit strafbar. Wenn die Soldaten länger als drei Tage unerlaubt fehlten, war das “Fahnenflucht” und wurde mit lebenslanger Haft oder häufig auch dem Tode bestraft. Hitler selbst hatte in “Mein Kampf” geschrieben: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben“. Auch daher zögerten viele Richter des NS-Justizapparats nicht, die Todesstrafe zu verhängen. Die Angehörigen der Wehrmacht wurden von Militärgerichten verurteilt. Heute bezeichnet man diese Verfolgtengruppe deshalb auch als die Opfer der NS-Militärjustiz.

4. Juni 1942

 

Im Morgengrauen geraten die Freunde zufällig an eine deutsche Zollstreife. Die Deutschen glauben erst einmal, dass sie Franzosen sind. Aber sie kommen ihnen irgendwie verdächtig vor. Sie sollen mit zur Wache. Ludwig und Kurt lassen sich ohne Widerstand festnehmen. Obwohl sie die Pistolen dabei haben, wollen sie sie nicht benutzen, als es darauf ankommt. Ihre Tarnung können sie nicht lange aufrechterhalten, sie sprechen ja nicht einmal französisch. Auf der Wache fliegt sofort auf, dass die beiden desertiert sind. Für Ludwig und Kurt beginnt eine furchtbare Tortur. Sie werden unter Folter verhört. Die Deutschen wollen unbedingt die Namen der französischen Helfer bekommen, aber Ludwig verrät sie nicht.

30. Juni 1942

 

Ludwig Baumann mit Begnadigung

Ludwig hält das Schreiben des Oberkommando der Kriegsmarine mit seiner Begnadigung in der Hand, Bremen 2011

Dann kommt es in Bordeaux zur Kriegsgerichtsverhandlung. Das ganze dauert nur 40 Minuten. Wegen „Fahnenflucht im Felde“ wird Ludwig zum Tode verurteilt. Erst als er mit gefesselten Händen und Füßen in der Todeszelle sitzt, realisiert er, was da gerade passiert ist. Jeden Morgen rechnet er damit, zu seiner Erschießung gebracht zu werden. Jeden Tag hat er Todesangst. Was er nicht weiß: Bereits sieben Wochen, nachdem das Todesurteil gefällt wurde, ist er begnadigt worden. Sein vermögender Vater hatte seine Kontakte genutzt, und seinem Gnadengesuch wurde stattgegeben. Doch Ludwig wird dies zehn Monate lang nicht mitgeteilt. Er vermutet später, dass die Deutschen ihn dafür bestrafen wollen, dass er seine französischen Freunde nicht verraten hat. Er hat außerdem einen Ausbruchsversuch unternommen, der jedoch verraten worden ist.

Mai 1943

KZ Esterwegen, Rudolf Diels vor Häftlingen

Nach zehn Monaten in der Todeszelle erfährt Ludwig endlich, dass seine Todesstrafe in eine 12-jährige Zuchthausstrafe umgewandelt wurde. Zu verbüßen ist diese nach dem “Endsieg”. Bis dahin: Konzentrationslager. So kommt Ludwig in das KZ Esterwegen im Emsland. Die Zustände dort sind katastrophal. Ludwig bekommt Hungerödeme. Er muss Zwangsarbeit in einem Moor leisten. Er sieht, wie sich verzweifelte Menschen in den Starkstromzaun werfen, um zu sterben. Andere schlucken absichtlich abgebrochene Besteckteile, in der Hoffnung, in einem Krankenhaus operiert und dort besser versorgt zu werden. Als das massenhaft vorkommt, ändern die Bewacher ihre Taktik. Sie bringen die Menschen nicht mehr ins Krankenhaus, und sie sterben qualvoll.

1943

Gedenkstätte des Wehrmachtsgefängnis in Torgau, 2020

Ludwig kommt ins Wehrmachtsgefängnis Torgau an der Elbe. Diesen Ort beschreibt er als eine riesige, düstere Festung. Ludwig erkrankt an Diphtherie, einer lebensbedrohlichen Infektion der Atemwege. Er muss in Quarantäne und kann monatelang nicht richtig laufen. Auch hier sind die Unterbringung und Lebensumstände miserabel. Die Räume sind hoffnungslos überbelegt, es ist kalt. Sehr viele Menschen sterben hier. Ludwig wird dazu gezwungen, bei den Hinrichtungen anderer Deserteure zuzuschauen. Er hat schreckliche Angst, die ihn sein Leben lang nicht loslassen wird.

September 1944

Stolperstein für Kurt Oldenburg in Hamburg

Ludwig kommt krankheitsbedingt erst im September 1944 zum sogenannten “Bewährungsbataillon 500” an die Ostfront. Nur sehr wenige Menschen überleben dieses Himmelfahrtskommando. Auch sein Freund Kurt Oldenburg stirbt hier. Ludwig wird verletzt, ein Schuss hat ihn in die Schulter getroffen. Er kommt in ein Lazarett in Brünn in der besetzten Tschechoslowakei. Ein tschechischer Arzt rettet ihm womöglich das Leben: Er behandelt seine Verletzung extra so, dass sie langsam verheilt. In den Augen der Nationalsozialisten ist das “Selbstverstümmelung” und strafbar. Wären Ludwig und der Arzt aufgeflogen, wären beide sehr wahrscheinlich mit der Todesstrafe bestraft worden.


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Bewährungsbataillone

Verwundete Soldaten 2. Weltkrieg
Verwundete deutsche Soldaten an der Front,
Kampfraum Witebsk (Russland), Mai 1944

Bewährungsbataillone, oder auch Strafbataillone genannt, waren Einheiten der Wehrmacht, in denen Soldaten verpflichtet wurden, die von Militärgerichten zur “Frontbewährung” verurteilt worden waren. Für die Nationalsozialisten galten die Verurteilten als “wehrunwürdig” und sie propagierten, dass die Soldaten ihre “soldatische Ehre” während der Fronteinsätze zurückerlangen sollten. In Wahrheit benötigten die Nazis die Soldaten mit voranschreitendem Krieg und damit einhergehenden Menschenverlusten dringend, insbesondere an der Ostfront. “Kanonenfutter” ist ein Begriff, der in diesem Zusammenhang genannt wird. Die Fronteinsätze an der Ostfront waren besonders gefährlich. Sehr viele Menschen verloren in den Bewährungsbataillonen ihr Leben.

9. Mai 1945

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst

Die letzten Kriegstage erlebt Ludwig an der Ostfront. Die Rote Armee wirft Flugblätter ab, auf denen zu lesen ist, dass alle Kampfhandlungen eingestellt werden sollen. Ludwig beschreibt diese Zeit als sehr chaotisch. “Jeder wollte nur noch weg”, erinnert er sich später. Mit einem Freund zieht Ludwig durch die Wälder, bis sie ein kleines Dorf entdecken. Hier bitten sie um Hilfe. Ludwig kann bei einem Bäckermeister unterkommen, er erhält von ihm auch zivile Kleidung. Mit der Tochter des Bäckermeister beginnt er eine kurze Romanze.

Wenig später

Symbolfoto: Deutscher Kriegsgefangener während der Schlacht um Stalingrad, Russland, Januar 1943

Die Rote Armee steht plötzlich im Dorf. Die russischen Soldaten glauben, dass Ludwig ein “Werwolf” ist. So wurden Angehörige der gleichnamigen nationalsozialistischen Organisation genannt, die während der letzten Kriegsphase u.a. Sabotageakte und Attentate im Untergrund verübten. Einer der Soldaten hält Ludwig eine Pistole an den Kopf. Aber er drückt nicht ab. Ludwig wird in russische Kriegsgefangenschaft genommen.

Nachkriegszeit

Waltraud Baumann, Ludwigs Ehefrau

Als Ludwig endlich wieder in Hamburg ankommt, ist er schwer traumatisiert. Die konservative Gesellschaft der Nachkriegszeit verurteilt Ludwig dafür, dass er desertiert ist. Deserteure gelten vielen noch immer als “Verräter” und “Feiglinge”. Einmal wird er mitten auf der Straße von ehemaligen Kriegskameraden verprügelt. Ludwig erstattet Anzeige, doch als er auf der Polizeiwache von der Tat berichtet, wird er wieder verprügelt. “Dich haben sie wohl vergessen zu vergasen“, sagen die Menschen zu ihm. Er bewirbt sich im öffentlichen Dienst, doch man will ihn nicht einstellen. So erlebt Ludwig noch lange nach Kriegsende Hass und Gewalt gegen ihn. Ludwig trinkt zu viel Alkohol, er entwickelt eine Suchterkrankung. Als reisender Handelsvertreter lernt er in Bremen Waltraud kennen. Er bleibt dort und heiratet sie. Noch immer geht es ihm nicht gut. Der Familie fehlt es am Nötigsten.

12. Februar 1966

Ludwig mit seinen Kindern

Als seine Frau Waltraud bei der Geburt ihres sechsten Kindes stirbt, ist das für Ludwig ein Wendepunkt in seinem Leben. Er übernimmt Verantwortung für sich selbst und seine Kinder. Er schafft es, von seiner Suchterkrankung zu genesen und widmet sich als alleinerziehender Vater seinen Kindern.

1979

 

Im Jahr 1979 schaut Ludwig wie so viele Menschen in Deutschland die Serie “Holocaust” im Fernsehen. Das rüttelt vieles in ihm auf. Erst jetzt wird ihm so richtig bewusst, dass auch er ein Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist. Das sieht der deutsche Rechtsstaat anders: Eine “Wiedergutmachung” hat Ludwig nach dem Krieg nicht erhalten. Er engagiert sich gegen Ungerechtigkeit, Konsumwahn hier und Hunger in der Welt, so gelangt er zur Friedensbewegung. Darin findet Ludwig Anstöße und die Kraft, für die Anerkennung der Opfer der NS-Militärjustiz zu kämpfen.

1990

Ludwig auf der Demonstration Gelöbnix in Berlin, Juli 2008

Ludwig gründet mit Ludwig gründet mit 36 überlebenden Opfern der Wehrmachtsjustiz die „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“. Der Verein setzt sich für die Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren und die Aufhebung von Unrechtsurteilen gegen sogenannte Wehrkraftzersetzer und Selbstverstümmler ein. Noch immer erfahren Ludwig und seine Mitstreiter:innen massive Anfeindungen aus der Bevölkerung. Ludwig bekommt Drohbriefe und soll sogar Polizeischutz erhalten, aber das lehnt er ab.

1998-2009

Ausschnitt aus dem Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege (NS-AufhGÄndG) vom 23. Juli 2002

Ein wichtiges Ziel der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz ist im Jahr 1998 endlich erreicht: Das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege hebt sehr viele NS-Urteile auf, aber noch nicht die, die Fahnenflucht aus der Wehrmacht betreffen. Das bedeutet für Ludwig: Die erreichte gesetzliche Aufhebung spornt zu weiterer Klarstellung an. Erst vier Jahre später, im Jahr 2002, beschließt die Bundesregierung, Wehrmachtsdeserteure gesetzlich zu rehabilitieren. Damit ist Ludwig endlich nicht mehr vorbestraft.

Wegen sogenannten “Kriegsverrats” verurteilte Opfer der NS-Militärjustiz müssen auf ihre Anerkennung und Rehabilitierung sieben weitere Jahre warten. Als “Kriegsverrat” oder auch “Feindbegünstigung” ahndete die NS-Militärjustiz ganz verschiedene Vergehen und unerwünschtes Verhalten, das dem Deutschen Reich vorgeblich einen “Nachteil” zugefügt hatte. Das Spektrum reichte von Sabotageakten und “Kollaboration mit dem Feind”, bis hin zu kritischen Äußerungen am NS-Staat oder pazifistischen Handlungen und Äußerungen, z.B. mit dem Ziel, NS-Verfolgte zu schützen.

24. November 2015

Ludwig im Deserteurdenkmal Hamburg, 2015

Ludwig weiht gemeinsam mit dem damaligen Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz einen Gedenkort für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz am Hamburger Stephansplatz ein. Für Ludwig ist das eine späte Würdigung der Opfer der NS-Militärjustiz, für die er sehr gekämpft hat. Heute gibt es über 40 Deserteur-Denkmäler in etlichen Städten Deutschlands, darunter in Köln, Erfurt und Ulm.

Auszeichnungen

Der Ludwig-Baumann-Saal in Bremen-Vegesack

Ludwig wird für sein Engagement mehrfach ausgezeichnet. Er erhält unter anderem 1995 den Aachener Friedenspreis und wird im folgenden Jahr für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Auch das Bundesverdienstkreuz soll er bekommen, doch er lehnt es mit der Begründung ab, dass er keinen Orden haben möchte, “den auch ehemalige Nazis tragen“. Anlässlich seines 100. Geburtstags im Jahr 2021 wird in Hamburg-Jenfeld ein Platz nach Ludwig Baumann benannt. Das Gustav-Heinemann-Bürgerhaus in Bremen-Vegesack würdigt sein Wirken durch Benennung des großen Saals mit seinem Namen. Seit 2021 setzt sich eine Initiative dafür ein, dass die Hamburger Sedan-Straße in Ludwig-Baumann-Straße umbenannt werden soll.

5. Juli 2018

Grabstätte Waltraud und Ludwig Baumann in Bremen

Ludwig Baumann stirbt im Alter von 96 Jahren in Bremen.

Autorin: Lena Knops

VIELEN DANK

an die Bundesvereinigung Opfer der Militärjustiz e.V. für die Unterstützung und Mitarbeit.

SEKUNDÄRLITERATUR

Baumann, Ludwig, Niemals gegen das Gewissen. Plädoyer des letzten Wehrmachtsdeserteurs, Freiburg im Breisgau 2014.

Kaltofen, Andrea/Faulenbach, Bernd (Hg.), Hölle im Moor: Die Emslandlager 1933-1945, Göttingen 2017.

Neitzel, Sönke/Welzer, Harald, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt am Main 2011.

Wette, Wolfram, Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden, Frankfurt a.M. 2005.

ONLINEQUELLEN

Kurze Interviews mit Ludwig Baumann (2011), Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Zeitzeugenportal: zeitzeugen-portal.de

Rede Ludwig Baumann 2009: museenkoeln.de

Webseite der Bundesvereinigung Opfer der Militärjustiz: upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de

Webseite über Ludwig Baumann: ludwigbaumann.de, bpb.de, friedenskooperative.de

Zeitzeugeninterview mit Ludwig Baumann (2014), WDR “Erlebte Geschichten”: wdr.de

BILDQUELLEN

Air to ground photograph of Hamburg

Air to ground photograph of Hamburg, 03.05.1945, © IWM CL 2500.

Bremen, Rathaus 1962

Ludwig Wegmann, Bremen, Rathaus 1962, Bundesarchiv, B 145 Bild-F012893-0002, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Geburtshaus Ludwig Baumann

© Gert Krützfeldt (Hamburg) / mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

Gedenkstätte Wehrmachtsgefängnis Torgau

Lutz Lange, Gedenkstätte Wehrmachtsgefängnis in Torgau, 2020, unverändert, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege

Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege (NS-AufhG), BGBl. I Nr. 58, S. 2501 vom 25.08.1998; zuletzt geändert durch Art. 1 G vom 24. September 2009, BGBl. I, S. 3150.

Grab Ludwig Baumann

Dbeutner, Das Grab von Ludwig Baumann auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde Bremen-Grambke, März 2019, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Hamburg, Argentinisches Schulschiff

Autor:in unbekannt, Hamburg, Argentinisches Schulschiff, Juli 1923, Bundesarchiv, Bild 102-00124, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Helgoland 1947

The Destruction of Heligoland Defenses. April 1947, © IWM A 31319.

Kapitulationsunterzeichnung Keitel

Lt. Moore (US Army), Field Marshall Wilhelm Keitel, signing the ratified surrender terms for the German Army at Russian Headquarters in Berlin. NAID: 531290. Public domain. U.S. National Archives and Records Administration.

Karte Frankreich ab Juni 1940

Eric Gaba, Occupation zones of France during the Second World War, German version, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Kindheitsfoto

Kindheitsfoto Ludwig Baumann, mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

KZ Esterwegen, Rudolf Diels vor Häftlingen

Autor:in unbekannt, KZ Esterwegen, Rudolf Diels vor Häftlingen, Dezember 1933, Bundesarchiv, Bild 183-R31497, online verfügbar unter: wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.

Ludwig-Baumann-Saal

Ludwig-Baumann-Saal im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus Bremen-Vegesack, mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

Ludwig Baumann am Deserteurdenkmal Bremen-Vegesack, sitzend

Dtuk, Ludwig Baumann am Denkmal für den unbekannten Deserteur im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus in Bremen-Vegesack, April 2014, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0Unported.

Ludwig im Deserteurdenkmal Hamburg

Ludwig Baumann im Deserteurdenkmal Hamburg, 2015, Fotograf Gert Krützfeldt, mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

Ludwig Baumann, Gelöbnix 2008

Ludwig Baumann auf der Demonstration Gelöbnix in Berlin, Juli 2008, Lothar Eberhardt, Berlin.

Ludwig Baumann mit seiner Begnadigung in der Hand

Ludwig Baumann mit seiner Begnadigung in der Hand © epd-bild / Dieter Sell.

Ludwig mit seinen Kindern

Ludwig Baumann mit seinen Kindern, mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

RAD, Straßenbau

Frankl, A., Reichsarbeitsdienst, Straßenbau, 1936, Bundesarchiv, B 145 Bild-P022078, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Russland 1941, Fahrzeugkolonne

Böhmer, Russland, Fahrzeugkolonne, Oktober 1941, Bundesarchiv, Bild 101I-268-0176-33, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Russland, deutscher Kriegsgefangener

Autor:in unbekannt, Russland, deutscher Kriegsgefangener, Januar 1943, Bundesarchiv, Bild 183-E0406-0022-011, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Russland, Verwundete Soldaten

Wehmeyer, Russland, Verwundete bei Witebsk, Mai 1944, Bundesarchiv, Bild 101I-279-0917-11, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Stolperstein Kurt Oldenburg

Hinnerk11, Stolperstein für Kurt Oldenburg, Hamburg 2016, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Thea Baumann

© Annette Ortlieb, Bremen / mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

U-Boot-Bunker, Bordeaux

Tony Hisgett, U-boat pens, Bordeaux, France, 2009, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY 2.0.

Unternehmen Seelöwe

Engelmeier, Übungen mit Panzer III für Unternehmen Seelöwe, Frankreich 1940, Bundesarchiv, Bild 101II-MW-5674-43, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Waltraud Baumann

Porträt Waltraud Baumann, mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

Warnung vor Fahnenflucht

Autor:in unbekannt, Danzig, Frau vor Schaufenster, Februar 1945, Bundesarchiv, Bild 146-1996-030-12A, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Wochenschau 1941

Autor:in unbekannt, Harry Giese, Sprecher der Deutschen Wochenschau, 1941, Bundesarchiv, Bild 183-2007-1026-501, online verfügbar: wikimedia.org. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

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Air to ground photograph of Hamburg

Air to ground photograph of Hamburg, 03.05.1945, © IWM CL 2500.

Hamburg Binnenalster, 1934

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Ludwig Baumann am Deserteurdenkmal Bremen-Vegesack, lächelnd

Dtuk, Ludwig Baumann am Denkmal für den unbekannten Deserteur im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus in Bremen-Vegesack, lächelnd, April 2014, online verfügbar: wikimedia.org, unverändert, Lizenz: CC BY-SA 3.0 Unported.

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Ludwig mit Foto von Kurt Oldenburg anlässlich der Verlegung eines Stolpersteins für Kurt Oldenburg, Hamburg 2009, mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

Minensuchboot im Hafen, Frankreich 1941

Görisch, Frankreich, M-Boot im Hafen, 1941, Bundesarchiv, Bild 101II-M2KBK-245-12, online verfügbar: wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Oberkommando der Kriegsmarine, Begnadigung

Oberkommando der Kriegsmarine an das Gericht des Marinebefehlshabers Westfrankreich, Hauptstelle Nantes, vom 20.08.1942, Entscheidung über Begnadigung Kurt Oldenburg und Ludwig Baumann, mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

Otto Baumann

© Annette Ortlieb, Bremen / mit freundlicher Genehmigung der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

RAD-Erntehelfer

Autor:in unbekannt, Ostpreußen, RAD-Erntehelfer, Juli 1938, Bundesarchiv, Bild 146-1987-085-19, online verfügbar: wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Reichsgesetzblatt 1939 Fahnenflucht

Verordnung über das Sonderstrafrecht im Kriege und bei besonderem Einsatz (KKSVO), Deutsches Reichsgesetzblatt Band 1939 Teil I, Nr. 147, Seite 1455–1457.

Vorpostenboot, Arbeit an Bord, 1939

Mendel, VP-Boot, Arbeit an Bord, 1939, Bundesarchiv, Bild 101II-MN-1591-11, online verfügbar: wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Wreckage in the bomb-scarred Hamburg docks

Wreckage in the bomb-scarred Hamburg docks, 08.07.1945, © IWM A 29695.

WEITERE FÄLLE

Ilse
Heinrich

Günther
Discher

Olvido
Fanjul Camín

Heinz
Kerz

Władek
Zarembowicz

Robert
Limpert